1. März 2022| Keramik, Kultur

Buchvorstellung Schlondes-Geschichten, Interview mit dem Autor Roland Giefer

Wir haben uns mit Roland Giefer getroffen und über sein kürzlich veröffentlichtes Buch Schlondes-Geschichten gesprochen.

Das Buch enthält u.a. spannende Geschichten rund um den Schlondes. Unter Schlondes bezeichnet man hier im Westerwald, den offenen überdachten Raum vor den Feuerungsöffnungen (Feuer­schlund) eines Kannen­ofens.

Roland Giefer - Schlondes-Geschichten

Roland Giefer

Bevor wir ins Interview einsteigen, vorab noch die Buchbesprechung von Eggert Peters

Roland Giefer: Schlondes-Geschichten
Herausgeber: Dokumentationszentrum Kannenbäckerland e.V. – DKZ
Erhältlich im Keramikmuseum Westerwald, Höhr-Grenzhausen, Lindenstraße 13
Preis 25 Euro
293 Seiten

Dieses Buch ist ein Glücksfall für jeden an Geschichte und Kulturgeschichte des Kannenbäckerlandes Interessierten! Mit seinem Titel und dem Untertitel: „Das Töpferhandwerk nach dem II. Weltkrieg in der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen“ kommt es zunächst mit einem sehr bescheidenden Anspruch daher. Natürlich gibt es jede Menge „Geschichten“, aber es ist viel mehr enthalten.
So finden sich neben den Namen wichtiger Töpfer und deren Betriebe weiterführende Kapitel über die Töpfer- und Keramiker-Innung ebenso wie über die Keramische Ausbildung in Höhr-Grenzhausen.
Der angenehme Plauderton täuscht aber nicht darüber hinweg, dass es letztlich um den Niedergang einer ehemals bedeutenden handwerklichen Sparte geht. Der Autor selbst hat sich als Innungsmeister über viele Jahre intensiv für das Handwerk und die dessen Anerkennung eingesetzt und ist damit der Experte für dieses Fachgebiet.

Aus allen seinen Schilderungen leuchtet letztlich das Ringen um Qualität und Innovation heraus; dass diese Bemühungen in Handwerk, Gestaltung und technischer Verbesserung dann doch nicht zu einer neuen Blüte geführt haben, ist hier zunächst nur festzustellen.
Dadurch, dass viele Quellen verwendet wurden und die Kapitel durch eigenes Erleben und die Schilderungen von Zeitzeugen „illustriert“ wurden, ist es eine Freude darin zu lesen oder zu schmökern; das Buch kann aber auch mit Gewinn zum Nachschlagen dienen. Dies rührt auch daher, dass sich der Autor der Mühe unterzogen hat, ein Glossar und ein ausführliches Namensregister anzufügen; damit ist das Werk auch wegen der heimatkundlichen und familiären Zusammenhänge von großem Wert.

Die Herstellung des Buches war nur durch die Unterstützung mehrere Institutionen möglich und infolgedessen konnte das Buch auch preiswert sein. Der Autor hat somit ein erfolgreiches „Sponsoring“ betrieben.
Eggert Peters

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis des Buchs

Roland Giefer - Schlondes-Geschichten
Roland Giefer - Schlondes-Geschichten

Interview mit Roland Giefer

 

Lieber Roland, magst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Roland Giefer. Ich bin am 11.8.1954 geboren, hier in Höhr-Grenzhausen und bin nach meiner Schulzeit im elterlichen Betrieb in die Lehre gegangen. Habe dann 1972 die Gesellenprüfung gemacht und 1976  als jüngster Meister meine Meisterprüfung abgelegt.

Seitdem war ich bei meinen Eltern beschäftigt und habe dann 1991 den Betrieb von meinen Eltern übernommen und ihn unter meinem Namen weitergeführt. 
Ich bin dann einige Jahre später, nachdem ich schon seit 1979 ehrenamtlich tätig war, 1999 Obermeister der Töpfer- und Keramiker-Innung geworden, bis zu meiner Geschäftsschließung im Jahr 2017. Danach bin ich Mitglied im DZK [Anmerkung der Redaktion: Dokumentationszentrum Kannenbäckerland e.V.] geworden und habe angefangen, die Geschichten meiner Kollegen aufzuschreiben.

 

Du hast dann das Buch Schlondes-Geschichten geschrieben, wie kam es denn dazu?

Ja, es kam eigentlich schon vorher dazu, bevor ich zum DZK kam, wurde ich vom Vorsitzenden des DZKs, Ernst Moritz Arndt, gebeten, unsere Chronik aufzuschreiben. Das habe ich dann auch gemacht, relativ kurz in zwei Schreibmaschinenseiten und als ich dann, wie gesagt, 2017 Mitglied im DZK wurde, habe ich ihn gefragt, wie viele Chroniken er denn schon zusammen hätte. Da hat er mir gesagt, ich wäre der Einzige, der ihm eine Antwort geschrieben hat und dann sagte er: „Das wäre doch mal eine schöne Aufgabe für dich diese Chroniken der Töpfereien zu sammeln. Du kennst die ja alle“. Und dann habe ich gesagt: Ja, das mach ich gerne, und bei dieser Arbeit wurde das wirklich schnell eine spannende Geschichte, sodass ich dann diese erst mal kurz angedachten Chroniken später auch zu kleinen Geschichten ausgearbeitet habe.
Ja, an ein Buch hatte ich da immer noch nicht gedacht. Ich habe gedacht, das mache ich alles für das Archiv im DZK-Keller und bis dann irgendjemand mich gefragt hatte, ich glaube, das war sogar der Günther Schwickert, ob ich da nicht ein Buch draus machen wollte. Und dann habe ich erst einmal gestutzt und meinte, ja, mal sehen, was da zusammenkommt. Ja, und als das dann so spannende Geschichten wurden, die mit viel Detektivarbeit dann recherchiert wurden, habe ich das Ganze dann noch ergänzt mit, ich sage mal, Streifzügen durch die Jahrzehnte, wo ich dann so ein bisschen die politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der einzelnen Jahrzehnte kurz aufgezeichnet habe und bin natürlich auch auf die Entwicklung der Keramiken eingegangen.
Ergänzt wurde das Ganze durch zwei größere Aufsätze über die keramische Ausbildung und über die keramische Töpferinnung, die ja 1947 von Rudi Stahl gegründet wurde und praktisch der Beginn dieser handwerklichen Ära ist.
Ja. Zum Schluss kam dann noch eine kleine Geschichte dazu, das „kleine Feuer“. [Anmerkung, Auszüge gibt’s auch hier zu lesen]

 

Jetzt hast du meine dritte Frage auch schon ein bisschen beantwortet, worum geht es in deinem Buch?

Es geht um die Geschichte der Werkstätten, hier in der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, die, im Gegensatz zu früheren Eulereien [Anmerkung der Redaktion: Eulerei war die Bezeichnung für die Werkstätten, in denen die Herstellung der Keramikware stattfand, heute würde man diese als Töpfereien bezeichnen], jetzt Handwerksbetriebe waren. Die Eulereien gehörten ja der Industrie- und Handelskammer an, waren also mehr Fabrikanten und durch die neue Ordnung der Handwerkskammer nach dem Kriege entstanden dann die Handwerksberufe, wozu dann auch die Keramiker zählten. Zum Beispiel die Köche nicht. Die Köche sind weiter IHK-Berufe geblieben.

 

Ah okay.

Ja, es geht darum. Und um diese Entwicklung der handwerklichen Ausrichtung, des Töpferhandwerks. Dazu gehört natürlich auch alles, was dazugehört: Ausbildungspläne und Prüfungsverordnung und, und, und …

Roland Giefer - Schlondes-Geschichten

Weiterer Blick ins Buch.

Warum dieses Thema? Wahrscheinlich liegt es natürlich nahe, selbst als Keramiker ein keramisches Thema aufzugreifen oder ist natürlich schon im Vorfeld erwähnt, dass das so ein bisschen über das DZK kam?

Ja, wie gesagt, das Keramikhandwerk, es entstand ja dann tatsächlich eine Ära dieses Handwerks und deswegen sehe ich das Buch auch so ein bisschen als Fortsetzung des Buches von Heribert Fries, „Kurrimurri“, der also die Entwicklung der Eulereien beschrieben hat, die ja dann in den 50er/60er Jahren verschwanden. Auch die Kannenöfen verschwanden in den 60er Jahren durch die Entwicklung des gasbeheizten Brennofens/Salzbrandes. Das Keramikhandwerk hatte dann seine Blütezeit wiederum ab Mitte der 70er Jahre bis Mitte der 90er Jahre.
Und danach ging das Ganze wieder etwas zurück. Die nächsten Generationen, die danach kamen, sahen sich nicht mehr so dem Handwerk hingezogen. Die haben hier in Höhr-Grenzhausen ihre Ateliers aufgemacht und arbeiteten mehr so auf der künstlerischen Schiene und sorgten so dafür, dass hier eine neue Vielfalt in Höhr-Grenzhausen entstand. Also das Grau-Blaue, wofür das Kannenbäckerland berühmt war, ist allmählich verschwunden, es gibt ja nur noch zwei Betriebe, die es wirklich machen. Aber wir haben aktuell eine sehr lebendige keramische Szene hier in Höhr-Grenzhausen.

 

Das stimmt, und das ist es ja letzten Endes dann auch den Ausbildungsstätten oder den Schulen zu verdanken, …

Natürlich, spielte die keramische Fachschule eine große Rolle und viele der heutigen Keramiker haben noch in einem Handwerksbetrieb ihre Lehre gemacht. Das wird sich im Laufe der Zeit verändern.

 

Oder hat sich schon verändert? 

Und hat sich schon verändert. Wohin es letztlich führt – ich bin kein Hellseher.

 

Für wen ist dieses Buch geschrieben und wer sollte es lesen? Es ist ja schon ein recht spezielles Thema. 

Es ist ein spezielles Thema, es ist aber auch auf der anderen Seite ein kleines Zeitdokument, hier für den Unterwesterwaldkreis, sprich: Kannenbäckerland, insbesondere auch für die Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen. Und für diesen Personenkreis, wie soll ich sagen, landschaftlich eingegrenzt, ist das Buch sicherlich sehr interessiert. Deswegen ist das Buch auch nicht in einem Verlag erschienen, sodass es bundesweit erhältlich wäre, sondern wird exklusiv hier im Keramikmuseum, gegen eine geringe Schutzgebühr verkauft.

Roland Giefer - Schlondes-Geschichten

Neue Kunsthandwerker

Das war ja dein erstes Buch, dass du geschrieben hast. Wie fängt man an zu schreiben? Hat man ein System? Oder gibt es eine Art Storyboard? Oder fängt man einfach irgendwo an? Wie geht man da vor? Vor allem als, letzten Endes, Autodidakt.

Ja, das berühmte weiße Blatt Papier, vor dem man erstmal sitzt. Aber das ist eben im Laufe der Zeit, wie anfangs beschrieben, entstanden. Es ging eigentlich nur darum, für das DZK dokumentarisch Chroniken zu sammeln, die mehr tabellarisch waren. Und dann wurden daraus Geschichten, ich hatte ja, wie gesagt, viele Kollegen dann interviewt. Ich habe im Archiv des DZK danach gesucht, was die noch lebenden Zeitzeugen oft auch nicht mehr wussten über ihren eigenen Betrieb, es wurde also viel recherchiert und dann noch gegen gefragt, der ein oder andere erinnerte sich an gewisse Dinge noch, an besondere Begebenheiten und so weiter.

 

Das heißt, man arbeitet eigentlich dann auch tatsächlich erst mal mehr in Abschnitten. Das Buch ist ja auch so aufgebaut?

Ja, das sind viele Bausteine, die nachher zum Buch zusammengesetzt werden.

 

Genau, also das heißt, man sucht sich einen Abschnitt raus und das ist dann erstmal das Thema für eine gewisse Zeit und bis man fertig recherchiert hat?

Ja, ich habe zum Beispiel mit unserer eigenen Werkstatt angefangen.

 

Interessant, das ist natürlich erstmal am naheliegendsten, am einfachsten in der eigenen Schublade zu kramen. 

Ja, dann habe ich mich beeilt, die Werkstätten zu beschreiben, wo dann noch alte Leute da sind, bevor es spät ist.

 

Wie lange hast du an deinen Geschichten gearbeitet oder letzten Endes an deinem Buch? 

Insgesamt waren es 4 Jahre, natürlich mit Unterbrechungen, teils durch Krankheit und so weiter. Aber wie gesagt, angefangen habe ich, seitdem ich Mitglied im DZK wurde, 2017, und jetzt ist es fertig.

 

Gab es einen Höhepunkt in deiner Arbeit, ein Erlebnis, was dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Also, ich muss sagen, dass meine Kollegen, die ich dann besucht habe, sich sehr darüber gefreut haben und einige haben mich wirklich sehr unterstützt und haben überall herumgewühlt, im Keller oder auf dem Speicher, in alten Unterlagen, alte Fotos herausgesucht und haben mich dann auch bei meinen Besuchen immer, zum Teil, köstlich bewirtet, sag ich mal, und das waren einfach schöne Erlebnisse. Ich hatte ja auch viele gemeinsame Zeiten mit denen und man hat sich halt eben zusammen erinnert und so ist das halt eben auch bei den Gesprächen entstanden. Also, manche Dinge sind…

 

Dass man ins Plaudern gekommen ist, letzten Endes.

Ja, Dinge, an die ich mich dann selber erinnert habe. Wir hatten durch die Zusammenarbeit mit der Innung, oft auf Tagungen oder auf Bundestagungen, die alle 2 Jahre stattfanden, was immer bundesweit große Ereignisse waren. Man hatte zusammen gefeiert, alle möglichen Städte in Deutschland besucht und das hat wirklich verbunden, mit allen.

 

Das heißt, man hat sich eigentlich fast auch nochmal kennengelernt, vielleicht …. Also gewisse Sachen kennt man ja, oder hat man dann vielleicht gemeinsam erlebt. Aber da ist ja bestimmt auch vieles dabei, was man eben nicht wusste, oder? Oder was dann plötzlich einen Sinn ergeben hat? 

Ja, ich denke, ich bin ja ein Kind dieser Generation und wir haben die Zeit ja gemeinsam erlebt. Und wenn man dann ins Erzählen kommt, dann erinnert sich der eine an was und der andere an was, und „Ach ja genau!“. So sind diese Geschichten entstanden.

Ausblick, das Feuer am Leben halten.

Roland Giefer - Schlondes-Geschichten
Roland Giefer - Schlondes-Geschichten

Hattest du ja schon erwähnt, aber nochmals gezielt gefragt, wo kann man dein Buch kaufen? 

Exklusiv im Keramikmuseum im Museumsshop, gegen eine Schutzgebühr von 25 €.

 

Oder kann man dich für den Erwerb des Buches auch kontaktieren? 

Mich kann man auch persönlich kontaktieren, Bücher verkaufen oder versenden kann ich aber leider nicht.

 

Wirst du weiterschreiben?

Ich möchte weiterschreiben. Ich habe ja schon angedeutet, dass spätestens ab den 80er Jahren eine neue Generation von Keramiken die Verbandsgemeinde mit ihrer Vielfalt bereichert hat und über diese Generation möchte ich ein weiteres Buch schreiben. Das sind bestimmt auch wieder mindestens an die 30 Werkstätten und Ateliers, die ich besuchen möchte.

 

Über wie viele Werkstätten hast du es jetzt berichtet? Hast du das im Kopf? 

Das waren jetzt 15.

 

Das werden dann aber entweder noch zwei Bände oder ein dickes Buch. 

Wobei das dann nicht so den Charakter einer Chronik haben wird, sondern wohl mehr den Charakter einer Biografie haben wird.

Klar, weil es vielleicht auch, natürlich noch, im hier und jetzt sich immer mehr befindet oder sowas, ja. 

 

Eine Sache noch, wie hast du das Buch finanziert?

Die Finanzierung des Buches war nur möglich, weil einige Sponsoren mich darin unterstützt haben, unter anderem auch die Stadt Höhr-Grenzhausen, die Günter-Schwebsch-Stiftung, die Gesellschaft für Stadtgeschichte und Kultur, so wie die Firma Wepa.

 

Das war es schon im Prinzip, Roland. Vielen Dank für das schöne Gespräch.

 

Tipp:

Eine kurze Geschichte, das kleine Feuer aus dem Buch Schlondes-Geschichten findet sich hier bei uns.