12. Dezember 2020| Keramik

Kleines Feuer - Eine Geschichte von Roland Giefer - Teil 1

„Ääne mie on ääne winnier“ sagten früher die Euler, wenn sie einen Kannenofen brannten. Gemeint war damit die Anzahl der Brände in ihrem Leben, die sie schon gestocht hatten und die sie noch bis zum Ende ihrer Tage stochen sollten, ohne genau zu wissen, wie viele es in ihrem Leben waren oder noch sein würden. So liegt in dieser knappen Redewendung eine tief philosophische Einsicht über Kommen und Gehen, Dasein und Sinn des Lebens in seiner unergründlichen und ewigen Wiederholung.

Der Brand eines Kannenofens war der alles entscheidende Abschluss der Arbeit eines Töpfers. Wenn jetzt etwas „schief gehen sollte“, war alle Mühe vergeblich. Viele Hände haben mit Fleiß und Geschick die „Waar“ hergestellt, gedreht, geformt, aufgebaut oder modelliert, sie gehenkelt, verziert, bemalt und ihr so das nötige Finish gegeben. Mit größter Sorgfalt wurde alles in den Ofen auf Ringelchen, Plätzchen, in Kapseln oder auf Platten und Stützen gesetzt.

Historisches Bild von einem Kannenofen aus der Erzählung Kleines Feuer von Roland Giefer
©Museum für Stadtgeschichte

Jeder kleinste Raum wurde ausgenutzt, sodass keine Hand­breit mehr dazwischen Platz fand, aber genug Abstand blieb, um nicht einander anzu­backen.

Es war die Arbeit von mehreren Wochen, die jetzt im Feuer vollendet werden sollte. Das „Schild“ wurde zugemauert: Morgen früh wird angezündet.

Als ich selbst Töpferlehrling wurde, gehörte die Zeit der Kannenöfen in Höhr-Grenzhausen bereits der Vergangenheit an. Kurz nach der Erfindung gasbeheizter Brennöfen verschwanden sie innerhalb weniger Jahre. Viele wurden niedergelegt um den modernen Öfen Platz zu machen, ein paar blieben bis heute ungenutzt stehen.

„Das Gute muss dem Besseren weichen“ sagte damals Emil Merkelbach (Ambert KG), nach dessen Zeichnungen einige Kannenöfen in Höhr-Grenzhausen gebaut wurden. Einer davon war der Ofen meines Onkels Pitter Bahn. Es war ein verhältnismäßig kleiner Ofen von acht Kubikmetern Rauminhalt mit nur zwei Stochlöchern. Die Brennzeit betrug etwa 30 – 34 Stunden und der Bedarf an Brennholz lag bei etwas mehr als zwei Klafter. Ein Klafter entspricht vier Raummetern Buchenholz.

So mancher Euler hätte sicher etwas abschätzig über ein solches „Öfchen“ ge­schmunzelt, denn die „richtigen“ Kannen­öfen waren um ein Vielfaches größer.

Historisches Bild von einem Kannenofen aus der Erzählung Kleines Feuer von Roland Giefer
©Museum für Stadtgeschichte

Aber für eine Töpferei, die nur von zwei Geschwistern betrieben wurde, war es eine Herausforderung. Sechsmal im Jahr wurde der Ofen gefüllt. Dazu gehörte nicht nur die schon beschriebene Herstellung der Waren, sondern auch die Tonaufbereitung, die Herstellung der Brennhilfsmittel und die Beschaffung und Vorbereitung des Brennholzes. Und um den Vertrieb der Fertigware musste man sich natürlich auch noch kümmern …

Weiterlesen im zweiten Teil