12. September 2021| Keramik, Kultur

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff

12.6. - 31.10.2021 Keramikmuseum Westerwald

In dem kürzlich veröffentlichten Artikel Irdene Dinge im Keramikmuseum Westerwald konnten wir bereits über die Ausstellung der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff berichten. Nun hatten wir Gelegenheit mit der Künstlerin persönlich über ihre Arbeit zu sprechen und haben einen kleinen Einblick in ihre künstlerische und auch technische Herangehensweise bekommen.

Möchte man zur Ausstellung gelangen kommt man unweigerlich direkt auf das größte Stück der Ausstellung zu. Eine über 2 m hohe Skulptur aus rotem Ton, doppelwandig und mit Löchern  gespickt, durch die man ins Innere der Form blicken kann. Die Außenform ist gewellt und leuchtet  dem Besucher in einem typischen Rot der Irdenware entgegen. Eine Arbeit, die aus Westerwälder Ton entstanden ist, wie ein Baum, etwas Wachsendes, das durch seine Größe automatisch mit dem eigenen Körper korrespondiert.

Irdene Dinge – eine Ausstellung im Keramikmuseum Westerwald

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Marit Tingleff © Articus & Röttgenfotografie

Warum hast Du in diesem Fall den Westerwälder Ton benutzt?

In Norwegen gibt es nur Irdenwareton, den ich für die meisten meiner Arbeiten verwendet habe. Im feuchten Zustand ist er blau-schwarz und brennt dann rot. Ich hatte Kontakt zur Firma G&S, weil Ihnen aufgefallen war, dass die Verkaufszahlen für Norwegen niedrig waren und so kamen sie an die Akademie.
2016 bin ich dann hier gewesen, um für die  großen Arbeit mit den Gestellen Ton auszusuchen. Dafür brauchte ich einen weißen Steinzeugton, der unempfindlicher ist, nicht so leicht deformiert und höher zu brennen ist.

 

Wie hoch brennst Du Deine Stücke?

Ich brenne im Elektroofen bei 1020°C. Ich benutze eine Bleiglasur, deshalb kann ich gar nicht höher brennen und male hauptsächlich mit  roter und weißer Engoben, die ich manchmal mit Oxiden oder Farbkörpern einfärbe.

 

Gibt es einen Keramikort in Norwegen, ähnlich wie Höhr-Grenzhausen?

Nein, überhaupt nicht. Es gab nie diese großen Tonvorkommen und damit auch nicht so eine lokale lange keramische Tradition wie hier mit dem Salzbrand. Der Abbau von Ton in Norwegen ist mittlerweile ganz eingestellt.

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Marit Tingleff © Articus & Röttgenfotografie

An der Basis ihrer Werke steht tradi­tionelle, alltägliche Gebrauchskeramik. Tingleff vergrößert Teller, Platten und Schüssel zu kraftvollen Monumenten.

Deine Arbeiten sind beeindruckend groß. Hast Du ein festes Team mit dem Du arbeitest? Welche Infrastruktur steht Dir zu Verfügung?

Meine Infrastruktur ist mein Mann, der auch Künstler ist (lacht). Er hilft mir bei allen Vorhaben. Die meisten Arbeiten sind in meinem eigenen Atelier entstanden. Die große Skulptur ist allerdings in der Akademie in Oslo entstanden, wo ich nach meiner Professur noch die Möglichkeit hatte die großen Öfen zu nutzen. Ich habe den  Ofen bis auf den letzten cm ausgenutzt, um diese Skulptur zu machen.

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Marit Tingleff © Articus & Röttgenfotografie

Wie wichtig ist die Größe?

Angefangen habe ich, wie die meisten Keramiker, indem ich Gebrauchskeramik hergestellt habe. Meine Irdenware habe ich mit einer Bleiglasur glasiert, die ja bekanntlich giftig ist.

Ich musste mich irgendwann entscheiden, eine gesunde Glasur entwickeln oder die Bleiglasur anders ein­setzen. Die Bleiglasur hatte es mir angetan, sie macht herrliche Farben und zudem interessierte ich mich schon dafür den Ton als Material an seine Grenzen zu bringen, also groß zu arbeiten. So habe ich mit überdimensio­nierten Fliesen, wenn man so will, angefangen. Es war natürlich eine jahrelange Entwicklung. Hier z.B. (zeigt auf eine an die Wand gelehnte Fliese) ist eine solche Fliese, leicht abgeknickt, wie ein Körper, der an der Wand lehnt. Man muss seinen ganzen Körper einsetzen, um den Ton zu meistern, eine große physische Herausfor­derung.

Die größten Arbeiten sind die aus dem Westerwälder Steinzeugton. Die riesigen Platten waren eine echte Heraus­forderung, eigentlich ein Alptraum, ich hätte fast aufgegeben. Ich habe sie auf Gestelle platziert, die ursprünglich für den Transport von Glasplatten gedacht waren. So trans­portiere ich sie jetzt auch, und mir gefällt der Gedanke, dass sie so auch immer beweglich sind trotz ihrer Größe und Schwere.

Sind die Risse Teil des künstlerischen Konzepts?

Sie sind toleriert, nie gewollt. Ton ist Natur. Und die Natur folgt ihren eigenen Regeln. Ein Riss ist das Ergebnis von Bewegung im Ton. Auf diese Weise sagt der Ton mir etwas. Es ist eine Kooperation zwischen mir und dem Material. Die Arbeit, die entsteht sehe ich als eine Art Individuum, die physikalischen Regeln folgen. Ich als Künstlerin treffe die Entscheidung damit umzugehen, es nicht als Fehler zu betrachten.

Bei den ganz großen Stücken, die ich aus weißem Steinzeugton gemacht habe, hat meine Engobe nicht ganz gepasst und ist teilweise abgeplatzt. Ich habe es einbezogen in die Arbeit, genau wie die Risse. Es ist Teil der Arbeit.

 

Hättest Du auch Malerin sein können?

Ich sehe mich nicht als Malerin im Sinne der traditionellen Malerei. Es geht eher um die Entwicklung des Orna­ments, das, für sich gesehen ja schon eine Abstraktion ist.

Als keramischer Künstler kannst Du die Malerei nicht so kontrollieren wie ein Maler es auf seiner Leinwand tun kann, aber mit deinem Wissen und deiner Erfahrung für das Material kannst du auf Keramik malen. Dann aber braucht es eine freie Haltung, um den Rest geschehen zu lassen, das ist das Entscheidende. Du kannst es nicht ganz kontrollieren. Die keramische Form bestimmt die Malerei, ebenso wie die Schwerkraft und der Brenn­vorgang. Ich male es zwar, aber es malt sich in gewisser Weise auch selbst.

Es entstehen Landschaften, die ich mit bestimmten Eigenschaften  und Elementen verbinde: kalt, dunkel, Wachs­tum, Wasser, Farben…. Eigenschaften, die ich auch mit Norwegens Landschaft direkt vor meiner Haustür verbinde.

Ihre Beobachtungen von Mustern oder Farbstimmungen in der Natur verarbeitet sie in Landschaftsbilder.

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Marit Tingleff © Articus & Röttgenfotografie

Gibt es andere Themen, die für Deine Arbeit eine Rolle spielen außer dem Thema der Landschaft?

Es gibt eine gewisse Hierarchie in der Keramikgeschichte, was die unterschiedlichen Tone betrifft. Irdenware ist dabei „unten“ angesiedelt, es ist grob und Dinge, die damit hergestellt werden sind eher einfach und unkom­pliziert, für das arme Volk. Weißes Steinzeug und noch mehr Porzellan ist technisch gesehen komplexer und geeigneter für kompliziertere und perfektere Dinge, es war für die Reichen. Ich nehme in gewisser Weise Be­zug auf diese Diskussion und nutze rote und weiße Engobe, die ich an dem aufgestellten Werkstück herunter­laufen lasse.

Mich interessiert es grundsätzlich die Dinge einfach zu halten. In einer Arbeit z.B. verwende ich einfaches Glas, was aufschmilzt statt einer komplizierten Seladonglasur.
Paul Scott, ein Gastprofessor aus England an unserer Akademie, hat mich mit seinen blau-weißen feinen Land­schaften sehr inspiriert, meine eigenen blau-weißen Landschaften zu machen. Mit Engoben kann man nie so fein arbeiten wie, in seinem Fall, mit Siebdruck. Meine Ausgangsmaterialien bestimmen also zu einem großen Teil wie ich arbeiten kann.

Viele Jahre habe ich mich ausschließlich mit der Oberfläche beschäftigt, mittlerweile gehe ich mehr in den Raum, ins Volumen. Die kleineren doppelwandigen Arbeiten sind, wie alle anderen auch, mit einer Wulst­technik gebaut, die man anhand der horizontalen Abfolge der aufgemalten weißen und roten Engo­ben nachvollziehen kann.

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Marit Tingleff © Articus & Röttgenfotografie

“Viele Jahre habe ich mich ausschließlich mit der Oberfläche be­schäftigt, mittlerweile gehe ich mehr in den Raum, ins Volumen.”

Wie denkst Du über die Diskussion um Kunst und Keramik?

Das ist kein Thema für mich. Für mich zählt die Qualität der Arbeit, ist sie gut oder schlecht. Meine Energie setze ich lieber für andere Dinge ein.

 

Gibt es keramischen Nachwuchs in Norwegen?

Ja, ich denke schon. Ich spüre eine Menge Energie, die unter den jungen Leuten herrscht. Sie wagen sich an große, herausfordernde Dinge heran.

Als ich als Professorin anfing musste ich darauf bestehen, dass meine Studenten sich mit dem Material wirklich auseinandersetzten. Ihnen schien das zu komplex und schwierig.

 

Stellst Du in der ganzen Welt aus?

Ich habe das große Glück gehabt immer wieder zu Ausstellungen eingeladen worden zu sein, in den USA, Japan, Frankreich, Dänemark. ….eine feste Galerie habe ich nicht, außer „taste contemporary“ in Genf. Es gibt nicht viele Galerien in Norwegen, die Keramik zeigen.

Ihre Beobachtungen von Mustern oder Farbstimmungen in der Natur verarbeitet sie in Landschaftsbildern.

Interview mit der norwegischen Künstlerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Marit Tingleff © Articus & Röttgenfotografie

Wirst Du irgendwann in Rente gehen?

Natürlich nicht! (lacht)  Was soll ich sonst tun, mir ein Hobby suchen? Nein, ich werde ein bisschen kleiner werden müssen mit den Arbeiten, aber solange ich arbeiten kann mache ich das auch.

 

Wirst Du wieder mal in den WW kommen?

Oh, ich hoffe doch. Vielleicht kann ich zu dem Brand des Kannofens am Institut für künstlerische Keramik und Glas kommen, im September. Vielleicht kann ich ja sogar ein Stück mit brennen, das fände ich sehr interessant mit dem Salzbrand.

Monika Debus im Gespräch mit der norwegischen Künslerin Marit Tingleff im Keramikmuseum Westerwald
Monika Debus & Marit Tingleff

Monika Debus im Gespräch mit Marit Tingleff

Das Interview mit Marit Tingleff führte Monika Debus:

Für mich als Keramikerin war es sehr beeindruckend, wie mutig  und beherzt Marit Tingleff sich an das große Format gewagt hat . In der Keramik ist das nicht nur groß, sondern eigentlich schon riesig. Umso überraschter war ich, dass fast alles in ihrem Studio entsteht ohne große Technik oder ein Team. Dabei lässt sie das Material in seinen Eigenheiten frei zu Wort kommen, eine Kommunikation zwischen Künstlerin und dem Ton.  Diese Ausstellung ist ein absolutes Muss!

 

Sehenswert:

Das Keramikmuseum Westerwald hat ein Videoclip mit der Künstlerin online gestellt: