15. Februar 2022| Keramik, Kultur

Rückblick zum 15. Kannofenbrand am IKKG

Ein Artikel von Nora Arietta, Werkstattleiterin am Institut für künstlerische Keramik und Glas.

Vom 23. bis 25. September 2021 fand der traditionelle Kannofenbrand am Institut für künstlerische Keramik und Glas zum 15. Mal statt: Ein lange herbeigesehntes Großereignis, da der Brand ja bereits um ein Jahr verschoben worden war und nicht wie ursprünglich geplant schon 2020 stattfand.

© Helge Articus

Für mich war dieser Umstand nicht unwillkommen, denn ich habe meine Tätigkeit als Werkstattleiterin für Keramik am Institut erst im Mai 2020 aufgenommen und das Extra-Vorbereitungsjahr konnten der ehemalige Werkstattleiter Arthur Mueller und ich nutzen, um den Brand, zumindest in der Theorie, gemeinsam vorzubereiten und zu besprechen. Also lag das „Salz“ sozusagen von Anfang an in der Luft. Wir inspizierten den Ofen, besprachen die notwendigen Vorbereitungen, betrachteten Fotos vom Inneren des Ofens bei früheren Bränden. Analysierten salzglasierte Keramiken und fingen auch schon an, die Killesteine, ein für den Brand notwendiges Hilfsmittel, zu produzieren.

Mit Salzbrand hatte ich zwar schon ein wenig Erfahrung, aber ein Kannofen stellt eine andere Größenordnung dar, die ein besonderes Maß an Erfahrung, Umsicht und organisatorischem Aufwand erfordert. Für den Ofenbrand wurde aus diesem Grund ein Team gebildet, bestehend aus Arthur Mueller, Gerhard Tatko, Gideon Necker und mir, welches Wissen, Erfahrung, Neugier und Enthusiasmus auf konstruktive Art bündelte. Beim Setzen des Ofens war uns außerdem Martina Latka, Absolventin am IKKG und Keramikerin aus Berlin, eine unschätzbare Hilfe. Die Studierenden des IKKG hatten zuvor etliche Stunden während des Sommersemesters Holz gestapelt. Für fast alle von ihnen war der Brand ein Erst-Ereignis, da der letzte ja bereits fünf Jahre zurücklag. Die Leistungsfähigkeit des Kannofens und seine urtümliche Aura haben sie nachhaltig beeindruckt.

© Helge Articus

Der Ofen hat ein Nutzvolumen von ca. 7 m3. Damit er dicht gesetzt werden konnte, war eine hohe Stückzahl an eingereichten Arbeiten erforderlich, und wir luden entsprechend viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein. Insgesamt waren 60 Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt vertreten: professionelle Keramikerinnen und Keramiker aus Deutschland, den USA und Ungarn, Studierende der Kunsthochschulen Münster, Berlin-Weißensee, Hasselt(Belgien) und natürlich des IKKG. Dazu waren vier Salzbrandkünstlerinnen durch das Keramikmuseum Westerwald eingeladen worden, sich an einer anschließenden Ausstellung mit Stücken aus dem Kannofen und aus den heimischen Öfen zu beteiligen.

Es dauerte zwei Wochen, bis beim Ofensetzen alle Stücke den ihrer Größe und nötigen Brenntemperatur entsprechenden Platz im Ofen gefunden hatten. Traditionell wird der Kannofen mit sogenannten „Schnittchen“ gesetzt. Das sind in Quartzsand eingedrückte Tonstreifen, die ein Ankleben der Stücke an den Ofenplatten durch die entstehende Salzglasur verhindern. Bei historisch weiter zurückliegenden Bränden hatte man keine Ofenplatten verwendet, sondern die rohen Keramiken – lediglich durch Schnittchen getrennt – übereinander gestapelt. Die Vielzahl der verschiedenen, teils sehr empfindlichen Werke, beim kollektivem Kannofenbrand lässt so ein summarisches Vorgehen jedoch nicht zu. Die Stücke wurden jeweils einzeln und behutsam eingesetzt und die Flammengräben nach einem entsprechendem System mit den vorbereiteten Killesteinen abgedeckt, um einen optimalen Zug der Flammen zu gewährleisten. Diese Arbeitsvorgänge, die ein eingehende Kenntnis des Ofens voraussetzen, unterstützte Arthur Mueller mit Rat und Tat.

© Janos Wlachopulos

Der Kannofenbrand bildete den Start in das Wintersemester und wurde von vielen internationalen Gästen, Helferinnen und Helfern begleitet. Gefeuert wurde mit 1 Meter langen Buchenholzscheiten, gedauert hat der Brand diesmal insgesamt ca. 60 Stunden. Die lange Brennzeit erklärt sich durch die längere Nicht-Nutzung des Ofens, der während dieses Zeitraums Feuchtigkeit gezogen hatte, sowie durch die dem Brand vorhergegangenen Teilsanierungen an den Feuerungskammern. Viele Helferinnen und Helfer wechselten sich in Tag- und Nachtschichten ab: Studierende, erfahrene Keramikerinnen und Keramiker, darunter Markus Karstiess, Professor für Keramik am IKKG, für den der Kannofenbrand zum ersten Mal seit dem Antritt seiner Professur stattfand. Unter den vielen Beteiligten sei besonders noch Fred Olsen erwähnt, Keramiker und Ofenbauer aus den USA, der den Ofen schon mehrfach mit gebrannt und in seinen Publikationen beschrieben hat. Der Kannofen des IKKG als ein historisches Kulturzeugnis der hiesigen Region erwies sich damit abermals als Anziehungspunkt von internationalem Renommee.

© Janos Wlachopulos
© Janos Wlachopulos

1932 war der Kannofen von der Keramikerin Else Balzar-Koepp erbaut worden. Ihre beiden vor Ort lebenden Kinder wohnten dem Ereignis ebenfalls bei und freuten sich über die Weiterführung der alten Tradition.

Der gemeinsame mehrtägige Brand versammelte Fachleute und Lernende und regte zu gegenseitigem Erfahrungsaustausch an. Mit steigender Temperatur wuchs die Spannung. Die Flammen begannen langsam aus den Zuglöchern zu züngeln, und der Ofen fing an seine typischen Geräusche von sich zu geben. Eine Mischung aus dunklem Raunen und dem Knistern des verbrennenden Holzes. Wegen der Coronaschutzauflagen war kein offener Publikumsverkehr möglich, das Geschehen wurde aber in einem Livestream übertragen. Wer nicht am Ofen sitzen konnte, hatte somit die Möglichkeit den Brand aus dem Internet zu beobachten.

Den Höhepunkt des Brandes bildete das Salzen, welches zusammen mit der reduzierenden Atmosphäre beim Brennen den typischen „Look“ der Kannofenware ausmacht. Ein grauer Scherben mit einer glänzenden Oberfläche. Diese variiert je nach Menge des verwendeten Salzes, bei größerer Menge kann die charakteristische „Orangenhaut“ entstehen. Für den aktuellen Brand wurden 150 Kilogramm Salz verwendet, welches in die Zuglöcher bei 1300 Grad in mehreren Portionen nacheinander eingegeben wurde. Das Salz verdampft beim Einschütten und verteilt sich dabei im Ofen und auf der Ware. Die dabei entstehenden weißen Wolken bildeten den beeindruckenden Abschluss des Brandes, durch Ziehproben konnte die Salzglasur begutachtet und überprüft werden. Als nach dem letzten Salzvorgang die Öffnungen des Ofens verschlossen worden waren, kehrte Ruhe und Erleichterung ein. So laut und belebt der Ofen während des Brandes gewesen war, so ruhig war er beim Abkühlen. Nur die warme Ofenwand und sich bildende Salzkristalle zeugten noch von dem vorherigen Großfeuer.

© Helge Articus

Trotz Corona war die Resonanz für den Brand außerordentlich. Der Ofen war dicht gesetzt und die Künstlerinnen und Künstler über die Ergebnisse erfreut. Ich danke meinem Team für die tatkräftige Unterstützung und bin gespannt auf den nächsten Brand 2023.

Kannofenbrand
© Janos Wlachopulos