5. Spaziergang­forschung Höhr-Grenzhausen

Spaziergang im Mai 2026: Höhr-Grenzhausen – Grenzgang

Worum geht’s?

Früher formierte sich regelmäßig ein Zug der Bauern, Bürger und Markengenossen einer Stadt- oder Dorfmark, um ihnen hüben wie drüben die Schnad – oder Grenzschneise – bekannt zu machen, damit sie wussten, wie weit ihre Rechte reichten, berichtet der Heimatverein Nordkirchen. Bei diesen Grenzgängen ging es mitunter ziemlich ruppig zu. „Es kam vor, dass die jungen Bauern am Schnadstein tüchtig verprügelt oder an Armen und Beinen festgehalten mit ihrem Hosenboden kräftig auf den Schnadstein gestoßen wurden, damit die Erinnerung an Schmerz und Grenzstein bei den weiteren Schnadgängen im Gedächtnis blieb.“

Die Schnadgänge verloren mit der Aufstellung des Grundsteuerkatasters ihren Zweck und ihre Berechtigung. In Preußen hieß es 1841: „Da derartige Züge in der jetzigen Zeit keinen Nutzen mehr gewähren, weil bei der vollendeten Katastrierung des Grund und Bodens eine Verdunklung der Grenzen nicht leicht möglich ist, eintretendenfalls aber ohne Teilnahme der einzelnen Gemeindeglieder von den Behörden erhoben werden kann, so werden diese bisher an einigen Orten noch übliche Grenzzüge, in Folge Bestimmung des Königlichen Ministerium des Innern und der Polizei ganz untersagt.“ Doch die Grenzgänge wurden von engagierten Heimatvereinen mancherorts wiederbelebt und mit der Zeit teilweise zu Volksfesten.

Uns hat bei unserem „Grenzgang“ weder der schmerzende Hosenboden noch der Volksfestcharakter interessiert, sondern eher das, was uns diese zwischen Höhr und Grenzhausen ja gar nicht sichtbare Gemarkungsgrenze über unsere Stadt erzählt. Ein bisschen so wie es ein Direktor des europäischen Untertagelabors für Teilchen- und Astroteilchenphysik mal ausgedrückt hat: „Wir wissen unglaublich wenig von dem, was uns umgibt. Deshalb ist es schon ein Erfolg, dass es uns gelingt, Fragen zu stellen.“

Eine Nachbetrachtung von Jürgen Ghebrezgiabiher.

Vorgeschichte

Eigentlich war schon alles oder zumindest vieles aufgeschrieben. Aber das habe ich erst im Nachhinein herausgefunden. Was ich dann zu lesen bekam, war allerdings, als hätte Frieda Krebs unseren Spaziergang in ihrem Buch Höhr-Grenzhausen. Geschichte und Geschichten 2002 schon vorweggenommen. In drei aufeinanderfolgenden Kapiteln geht es um den „Erzschacht“, die „Eisenbahn“ und die „Insel“ und damit ziemlich exakt um unseren Spazierweg entlang der Gemarkungsgrenze zwischen Höhr und Grenzhausen. Und so wurde sie nachträglich zur siebzehnten Teilnehmerin an der 5. Spaziergangforschung im Rahmen des Modellvorhabens Stadt.Idee.Wirkung.

Aber der Reihe nach.

Start am Grübchen

Start am Grübchen

Am Freitag nach Christi Himmelfahrt traf ich mich mit sechzehn Ortsansässigen im Wendehammer Am Grübchen, und wir freuten uns zurückhaltend – Kommentare zur Wetterlage tunlichst vermeidend, um bloß nichts Gegenteiliges heraufzubeschwören –, dass die Kalte Sophie uns offenbar freundlich gesinnt war.

Ich hatte im Vorfeld erst einmal versucht zu verstehen, was Gemarkung überhaupt bedeutet, und stieß dabei im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm auf drei höchst unterschiedliche Definitionen des Begriffs. Der Eintrag beginnt mit einer sachlichen Auflistung zur möglichen Verwendung:

markung, f.

1) grenzbestimmung und bestimmte grenze eines grundstücks oder gebietes; […] welcher böszlicher und geverdlicher heimlicher weisz ein markung verruckt oder verendert, der sol darumb peinlich am leib … gestraft werden; ein feldstein, der die markung wies; ein marchungs- und dienstbarkeitsvertrag, durch welchen die grenzlinie zwischen einer besitzung und der strasze festgesetzt, gewisse baubeschränkungen bezüglich dieser besitzung näher erörtert und die servitute der zu- und vonfahrt […] auf einen theil der besitzung gelegt werden; […]

Gleich im Anschluss kommt der Dichter Friedrich Rückert zu Wort, der die Gemarkung fast in die Nähe eines Gartens Eden rückt:

und da, wo sich dem gau schlieszen die markungen, scheinet die erde auch zu schlieszen zugleich ihren gesegneten schoosz.

Und nachdem dem Administrativen und Poetischen Genüge getan ist, zitiert Grimms Wörterbuch einen Auszug aus den „briefen und urkunden zu der lebensgeschichte Göz von Berlichingen mit der eisernen hand“:

als ich einmal ufm weidwerk gewest, uf ein wiesenplätzlein kommen, und der markung, so mir in der verschreibung bestimmt gewesen, nit in acht genommen, bin ich gleich darob erschrocken, und dacht ich, ich were aus der markung, aber […] da erfuhr ich alsbald bei meinen verwandten, dasz mir das wieszlein ein sommerhanen zu zinnsz gab, und wurd frohe und wol zu frieden, dasz ich nit aus der markung geschritten.

Auch wenn das fast idyllisch klingt, es geht um Besitz. Ein „Sommerhahn“ war eine Form von Naturalzins, der als Abgabe oder Steuer an den Grundherrn übergeben werden musste. Und die „verschreibung“ klärte, innerhalb welcher Grenzen der Besitzer Zins – also Einkünfte – aus seinem Grundbesitz ziehen konnte. Doch bevor ich noch weiter in diese historischen Sphären abdriftete, holte mich der erste Vorsitzende der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Kultur, Uwe Finke, auf den Höhr-Grenzhäuser Boden der Tatsachen zurück:

„Gemarkungsgrenzen spielen innerhalb der Verbandsgemeinde keine Rolle mehr. Dieser Flickenteppich aus Grundstücksgrenzen und Flurgebieten hat historisch durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Herrschaftshäusern immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Höhr und Grenzhausen geführt, auch an der Grenze, an der ihr nun entlanggehen wollt. Aber die heutige Bedeutung und die damit verbundenen Zuständigkeiten sind nur noch dort umstritten, wo die Gemarkungsgrenzen der Verbandsgemeinde an die uns umgebenden Gemarkungen anderer Gemeinden grenzen.“

Und mit dieser wichtigen Klarstellung brachen wir auf, um zwischen der Gemarkung Grenzhausen und der Gemarkung Höhr an einer nicht mehr relevanten Grenze entlang spazieren zu gehen.

Am Grübchen

Der Straßenname ist eigentlich zu niedlich. Im Verzeichnis Straßennamen und ihre Bedeutung der Verbandsgemeinde heißt es: „Am Grübchen: Geht zurück auf die ehemalige Erzgewinnung, der Stolleneingang befand sich am Ende der Straße […]. Abbau ab 1860 mit Unterbrechungen bis 1954.“ Aber 2002 „deutet in Höhr-Grenzhausen nichts mehr darauf hin, dass hier mehr als 100 Jahre lang ein Bergwerk existierte“, schrieb Frieda Krebs, und das ist auch 2026 noch so.

Unsere Stadterkundungsgruppe hat sich am unteren Ende der Sackgasse getroffen, und wir sind noch keine zwanzig Meter aus dem Wendehammer nach oben spaziert. „Hinter dem Haus“, erklärt M., als wir vor einem unscheinbaren, länglichen Gebäude halten, „war der Stolleneingang. Der ganze Hang ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse.“ „Die hatten mit der Landesstraße nach Vallendar richtig Probleme deswegen“, ergänzt H.

Das war definitiv kein „Grübchen“. Das war ein Bergwerk mit Eingang in Höhr und unglaublichen Verzweigungen unter Grenzhausen. „Von wegen ‚Im Silbertal‘. Da haben wir bei der 1. Spaziergangforschung mal auf Edelmetallgewinnung getippt“, berichte ich. „Nee, der Erzschacht war hier“, sagt H., „und der Förderturm fast am Sonnenweg.“

Und Frieda stellt klar: „Im Laufe der Zeit entstand ein weit verzweigtes Stollennetz, das unter der heutigen Westumgehung, vom Kreisel aus Richtung Vallendar führend, am Ende des zweiten Teiles der Schallschutzmauer begann. Ungefähr zwanzig Meter oberhalb des Stolleneingangs erhob sich der Förderturm.“ Sie zieht uns allerdings auch den Zahn, dass Silber abgebaut worden wäre: „Der Berg ‚Am Damm‘ verbarg Blei-, Kupfer-, Zink- und Eisenerzadern in seinem Gestein.“ Und mir bleibt im wahrsten Sinne des Worts die Spucke weg, als ich schließlich die Ausdehnung der Grube Hainchen auf einer Karte in Friedas Buch sehe.

Aber sie wäre nicht die wunderbare Erzählerin, wenn sie zum „Erzschacht“ nicht noch über das Technische und historisch Verbürgte Hinausweisendes zu berichten wüsste:

In vielen Gärten der Dörfer Höhr und Grenzhausen konnte man ab Anfang 1900 Wege und Beete bewundern, die äußerst akkurat mit gebrochenen weißen Steinen umrandet waren. Es war eine regelrechte Modeerscheinung. Sobald im Lenz die Schneeglöckchen vorwitzig ihre Köpfchen aus der Erde streckten und die ersten lauen Tage Arbeiten außer Haus erlaubten, säuberte man den Garten. War diese Arbeit getan, wurde Bruchstück neben Bruchstück des glitzernden Gesteins am Wegesrand neu verlegt. Dann sah es aus, als ob der Winter Eisklumpen übrig gelassen hätte, die in ihrem blendenden Weiß mit den ersten Blumen wetteifern wollten. […] Wo kamen diese Steine her?

Im Garten des Hauses, vor dem wir immer noch stehen, ist davon nichts zu sehen. „In den 1980ern war das hier eine beliebte WG bei angehenden Keramikerinnen und Keramikern, und die hatten es sich hier richtig schön gemacht. Aber ich bezweifle, ob sie heute noch hier einziehen würden, obwohl Wohnraum nach wie vor knapp ist“, sagt K., und das bringt uns wieder in die Gegenwart zurück.

Wir schlendern den Hang hinauf. Es ist steil. In einer sanften Rechtskurve weicht Am Grübchen von der Gemarkungsgrenze ab, aber der Schallschatten der Landesstraße wirkt wie eine akustische Rückversicherung, dass wir nahe dranbleiben. Unsere Zeitzeugin in ihrem elektrischen Rollstuhl ist uns ein gutes Stück voraus, während wir über neuere und ältere Bebauung spekulieren. Dabei fällt uns auf, dass es immer die verspieltere, oft herrschaftlichere Gebäudevariante ist, die alt ist. Dass aber genau die eindeutig älteren Gebäude auch langsamer zu altern scheinen als so einige neueren Datums.

Scheinberg

Was für ein wundervoller Name! Und was für ein eigenartiger Eintrag im Verzeichnis der Höhr-Grenzhäuser Straßennamen: „Scheinbergstraße: Eventuell nach Schneelage – Nordseite?“

Den Hang jenseits der L308 am heutigen Sonnenweg hatten wir bei der letzten Spaziergangforschung als ehemaligen Rodelberg kennengelernt. Aber diesem nach alpinem Skihang mit exzellenter Schneesicherheit klingenden Verweis fehlt, wie ich finde, die Bodenhaftung. Viel wahrscheinlich scheint mir – und natürlich wusste Frieda, woher die zahllosen „glitzernden Steine“ kamen – eine Verbindung mit der Grube Hainchen:

„Über die ganze Strecke vom Förderturm in westlicher Richtung bis hin zum ehemaligen Steinbruch wurde der Abraum des Erzschachtes abgekippt. Diese Schutthalde forstete man später mit Scheinakazien auf. Akazien hatten den Vorteil, dass sie, entgegen den hier sonst üblichen Baumarten auf einem derartigen Untergrund gut Fuß fassen konnten. So entstand das I- oder Akazienwäldchen.“

Für mich klingt das fast nach einer Bergkette. Wir biegen Am Damm links ab und steigen den Scheinberg wieder hinunter. Aber auch diesmal weiß Frieda die Fakten mit Ortsgeschichte zu beleben, denn an der für uns schwer zu ortenden Gemarkungsgrenze kam es einst zu handgreiflichen Konflikten zwischen den beiden Dörfern: „Im Einzugsgebiet von Erzschacht und I-Wäldchen trugen die katholischen Jungen von Höhr und die evangelischen Jungen von Grenzhausen ihre Religionskriege aus.“ Ungefähr dort, wo sich „die Schwarze“ und „die Bloköpp“ verprügelten und mit Steinbrocken bewarfen, wird heute gebaut.

„Eigentlich sollte die Wasserversorgung mit ins Rathaus und das Rathaus in die Gebäude umziehen, in denen jetzt die Reifenhändler sitzen“, weiß H. zu berichten, „und das hätte auch gepasst.“ „Ach, das wär doch auch wieder bloß teuer geworden, und das jetzige Rathaus ist doch eigentlich ganz hübsch“, erwidert P.

Wir suchen in der durch den Abriss des alten Sitzes der Wasserversorgung geschaffenen Sichtschneise nach Anzeichen einer Gemarkungsgrenze. „Die Schallschutzwand hat was von einer Grenzmauer“, murmelt B., aber dann beschäftigt uns doch die sichtbare Baustelle mehr. „Die alten Gebäude“, erklärt uns H., „waren gerade im hinteren Bereich total nass.“ Ich fühle mich an die Probleme mit der ehemaligen Volksbank erinnert. Nässe. Die Zerstörungskraft des Wassers, gleichgültig, ob von oben oder unten, scheint ein allgegenwärtiges Problem. „Und in den früher versumpften Tälern mit ihren immer noch ergiebigen Wasserläufen muss teils heute noch immer wieder gepumpt werden“, berichtet S.

Während wir rätseln, was aus dem Betonskelett des Neubaus wohl werden soll, kreist das Gespräch um „sinnvollen Erhalt“ und „Platz für Neues“. Ein Gedankenaustausch über diesen ständig im Wandel befindlichen Organismus Höhr-Grenzhausen, der offenbar ebenso gern im Alten verharren wie sich im Neuen verwandeln möchte. Immer wieder geht es um „die Stadt könnte, die Stadt sollte, die Stadt müsste“, bis M. sehr sachdienlich der Kragen platzt: „Halthalthalt, jetzt müssen wir erst mal klären, wer hier Stadt und wer Verbandsgemeinde ist. Das eine sind Äpfel, das andere Birnen.“

Als Zugezogener spitze ich natürlich die Ohren, merke aber, dass auch einige Alteingesessene aufmerksam zuhören. Es geht (wie bei Gemarkungsgrenzen) um Zuständigkeiten: „Die Stadt Höhr-Grenzhausen hat einen eigenen Stadtrat und einen Bürgermeister. Sie kümmert sich um lokale Anliegen wie beispielsweise Baugebiete, Vereine, Kindergärten und das Stadtbild. Die Verbandsgemeinde übernimmt die Verwaltungsaufgaben für alle vier zugehörigen Kommunen, wie zum Beispiel das Einwohnermeldeamt, die Wasserversorgung, Schulen und die gemeinsame Feuerwehr.“

Und beim Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz liest sich die jüngere Geschichte des „Tors zum Westerwald“ wie folgt:

Die Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, Westerwaldkreis, wurde im Jahr 1971 in der sogenannten Freiwilligkeitsphase gebildet. Ihr gehören die Stadt Höhr-Grenzhausen [mit Grenzau] und die Ortsgemeinden Hillscheid, Hilgert und Kammerforst an. Ursprüngliches Ziel war es, nach einer vier- bis fünfjährigen Übergangszeit die vier Ortsgemeinden zu einer verbandsfreien Stadt zusammenzuführen. Schon bald zeigte sich, dass die Bürger diesem Vorhaben skeptisch gegenüberstanden und deshalb die Kommunalpolitik dieses Ziel nicht mehr weiter verfolgte.

Auch die Stadtgründung zog sich von 1907 an über fast dreißig Jahre hin. Aber wie Jürgen Johannsen von der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Kultur schreibt, „hat sich nach anfänglichen Rivalitäten in den Stadtteilen und den legendären Auseinandersetzungen der Höhrer und Grenzhäuser Jugend in den 50er Jahren im I-Wäldchen, die Erkenntnis durchgesetzt, dass gemeinsam eben mehr zu erreichen ist“.

Wir setzen unseren Spaziergang durch den Schacht unter der Landesstraße hindurch fort und sehen uns sogleich damit konfrontiert, dass sich die Rampe – und ehemalige Rodelbahn – die geradewegs zum Sonnenweg hochführt, insbesondere wegen der Treppenstufen oben überhaupt nicht für das Rollmobil unserer Zeitzeugin eignet. Aber von einer spürbaren Lust angetrieben, diese seltsame Gemarkungsgrenze weiter zu erkunden, an der so unterschiedliche Themen aufkommen, machen wir plaudernd einen rollstuhlgeeigneten Schlenker zum Dammsweg und stoßen bei einem Feuerwerk an Blauregen im Sonnenweg wieder auf unsere immer imaginärer wirkende Gemarkungsgrenze.

Der Nabel von Höhr-Grenzhausen

Als wir uns dem Kreisel am Nassauer Hof nähern, wird mir bewusst, dass meine These, die ich zum Auftakt in den Raum gestellt hatte, ganz schön gewagt war: „Ein Gedanke, auf den ich erst sehr spät gekommen bin, als mir der Kopf vor lauter Grenzen schon schwirrte, war, dass wir dieser Gemarkungsgrenze folgend genau durch den Mittelpunkt von Höhr-Grenzhausen spazieren. Nicht dass wir wirklich von einem innerstädtischen Zentrum sprechen könnten. Aber die gigantische Stecknadel an den Arkaden scheint im falschen Kreisel zu stecken.“

Es ist schwierig. Es ist laut. Wir waren um 16 Uhr Am Grübchen aufgebrochen. Jetzt, kurz vor fünf, stocken an dieser Verkehrszentrifuge die Autofahrenden und wundern sich über die ungewöhnliche Anzahl an Zufußgehenden, die in Gespräche vertieft die Verkehrsströme queren. Unsere Zeitzeugin wiegt bei meinen amateurhaft geografischen Überlegungen versonnen lächelnd den Kopf: „Das Zentrum war der alte Bahnhof, also da wo heute der Rewe ist.“

Einige nicken sofort zustimmend. Ich bin erst ein bisschen irritiert – ist ja auch gar nicht so weit weg von unserem Kreisel –, aber dann leuchtet es mir ein, dass der alte (und auch der neuere) Bahnhof im wahrsten Sinne des Worts Dreh- und Angelpunkt eines extrem geschäftigen Orts gewesen sein müssen – „innerhalb von 30 Jahren wurden zwei aufwendige Bahnhöfe mit großen Güterschuppen, die jeweils über ein stattliches Fassungsvermögen verfügten, errichtet“, schreibt Frieda.

Von der Station „Grenzau“, die an der bereits bestehenden Westerwaldbahnstrecke Engers-Siershahn lag, schnauften die Dampflokomotiven über die Nebenstrecke, vorbei an dem 1910 erbauten Werk der Steuler Industrie, das von Anfang an über einen eigenen Gleisanschluss verfügte, zu dem dicht an der Grenze der beiden Orte Höhr und Grenzhausen liegenden Bahnhof. […] Kam der Zug schwer beladen durch das Brexbachtal die Steigung von Grenzau hoch, glaubten unsere Vorfahren ein stöhnendes „Helf mä bessje, helf mä bessje“ zu hören. Fuhr er wieder – zwar nicht minder schwer beladen, aber flott – bergab, so klang es wie: „Ech brouch dech neet, ech brouch dech neet“.

So waren die beiden Bahnhöfe teilweise noch vor dem Zusammenschluss der beiden Gemeinden eine Art natürliches Zentrum. Ein Fotofundstück auf der Webseite des Westerwald-Vereins zeigt einen belebten Wochenmarkt in der „Westerwaldstraße – im Hintergrund der Alte Bahnhof“ aus den 1930er Jahren und scheint diese Annahme zu stützen. Aber wie sollte so etwas an dem Kreisel, den wir gerade umrunden, oder in seinem unmittelbaren Umfeld funktionieren?

Diese „leere“ Mitte zwischen Höhr und Grenzhausen – auch wenn ich das geografisch vielleicht nicht ganz sauber untermauern kann – bringt mich aber noch auf einen weiteren Gedanken: Die beiden Gemeinden haben nie einen neuen gemeinsamen Mittelpunkt gesucht oder definiert, und zur gleichen Zeit haben die beiden ehemaligen Ortszentren offenbar ihren Zentrumscharakter weitestgehend verloren.

„Weder am Alexanderplatz noch am Laigueglia-Platz“, behaupte ich im Weitergehen, „kommt das Gefühl auf, als wäre dort der belebte und geschäftige Ortsmittelpunkt der jeweiligen Gemeinde, obwohl es unter uns viele noch ganz anders in Erinnerung haben dürften. Das ‚Versorgerische‘ eines Zentrums wurde in die Außenbezirke ausgelagert. Und die Hauptarterien dieser Auslagerung kreuzen sich hier, wo wir gerade stehen, an einem Punkt, der kein Ortsmittelpunkt sein kann.“

In einem Deutschaufsatz zu Gemarkungsgrenzen hätte ich jetzt das Thema verfehlt. Aber das Tolle an einem Stadterkundungsgang ist nun einmal, auf wie viel Unvermutetes wir beim Spazierengehen stoßen oder in unseren Gesprächen zu sprechen kommen.

Als wir in Zweierreihe an der Kroeberschen Apotheke vorbeischlendern, erzählt mir U.: „Wir sind erst vor ein paar Jahren hierher gezogen, und irgendwie hatte ich immer das Gefühl, wir wohnen auf dem Bindestrich. Aber mit dem heutigen Spaziergang ist der Bindestrich weg.“ Ich will diese ungewöhnlich poetische Aussage nutzen, um es mal ganz deutlich zu sagen: Ich freue mich jedes Mal aufs Neue ungeheuer, was für tolle und offene, interessante und interessierte Menschen bei diesen Erkundungsgängen in ihrer eigenen Stadt gemeinsam spazieren gehen.

Marienweg

Als wir die Treppen hinunter in die Schlucht blicken, die der Marienweg dann wieder Richtung Bahnhof nach oben führt, drängt sich erneut der Gedanke an Scheinberge auf. Der Eintrag im Verzeichnis der Verbandsgemeinde lautet jedoch lakonisch: „Namensgebung nach Marienschwestern (Dernbach).“ – Könnten wir aus dieser zwar im Ansatz vielversprechenden, aber den „Straßennamen und ihrer Bedeutung“ nicht gerecht werdenden Webseite der Verbandsgemeinde nicht ein interaktives Portal machen, das von den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt fortgeschrieben, korrigiert und zu einem mit ihrer Ortskenntnis verfeinerten Wissenspool ausgebaut wird?

Wir halten an dem beeindruckend großen Garten auf der Rückseite der katholischen Kindertagesstätte, der den „Armen Dienstmägden Jesu Christi“ zu verdanken ist. Gegenüber steht ein verspielt wirkendes Gebäude in einem kleinen Märchengarten. „Ich bin hier schon ewig nicht mehr langgegangen und freu mich umso mehr, dass es dieses schöne Haus noch gibt. Hinten dran war das Atelier des Bildhauers Axel Schmidt-Walguny. Seine Frau hat einige Zeit bei der Kroeberschen eine Keramikgalerie geführt, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie das baulich ausgesehen hat“, erzählt K. Als wir uns beim Weitergehen nochmals umwenden, sehen wir, dass einige Skulpturen noch vor dem ehemaligen Atelier Wache halten.

Vom Kreisel über den Marienweg beginnt ein Abschnitt unseres Spaziergangs, auf dem wir für etwa einen Kilometer ganz genau auf der Gemarkungsgrenze entlangspazieren. Warum im Bereich Sonnenweg/Höhrer Rathausstraße sowie obere Töpferstraße/Bahnhofstraße rechts und links des Marienwegs zwei knubbelige Ausbuchtungen in die Grenzhäuser Gemarkung hineinragen, bleibt ungeklärt. Aber wir werden auf diesem versteckten Pfad noch mal daran erinnert, dass wir auf einer Grenze unterwegs sind und sich manchmal diesseits und jenseits die Geister scheiden. Auf der einen Seite wird flächendeckend der ehemalige Garten einer Stadtvilla akkurat versiegelt. Auf der anderen werden wir per Schild gewarnt: „VORSICHT – Freilaufende Tiere und Kinder. Bissiger Hund, kratzbürstige Katze, Ziegen, Hühner, Fische, Vögel und diverse Ferkel.“

Als wir der Gemarkungsausbuchtung folgend das schon lange brachliegende Grundstück zwischen oberer Töpferstraße, Am Alten Bahnhof und oberer Bahnhofstraße umrunden, berichtet H., dass „hier ein weiterer Kindergarten entstehen wird, und es soll mit dem Bau demnächst losgehen“. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass die Anzahl der Kindergärten ganz schön beeindruckend ist.

Kurz unterhalb des Rastal-Lagerschuppens am (neueren) Bahnhof warte ich an einer ausschließlich für kommende Kulturevents werbenden Litfaßsäule, dass wir wieder zusammenkommen. Von dort führt eine dicht von Bäumen beschattete, grüne Schneise sehr privat ins Unbekannte. Es werden Handys gezückt, ich weiß nicht, ob um in Eigenregie die Route weiter zu planen oder kurz die Verbindung zur Außenwelt zu checken. Als ich aber genau in die grüne Schneise hineindeute, wird klar, dass nicht alle wissen, dass dies nicht nur eine Gemarkungsgrenze, sondern auch ein öffentlicher Weg ist, der früher durchgehend parallel zu den Gleisen bis zur Gartenstraße führte.

Plötzlich sind wir im Grünen, als wären wir im Wald. Weiches Gras unter den Füßen. Das Silbertal ist keine Straße mehr. Die Rückseiten der Häuser schwanken zwischen gärtnerischer Ordnung und Natur. Der Elektrorollstuhl unserer Zeitzeugin stampft wie ein Paddelboot in bewegter See, erweist sich aber als ausreichend geländetauglich … zum Glück! Den alten Pfad schneidet schlussendlich das Privatgelände mit einer Pyramide ab, die uns schon auf der 1. Spaziergangforschung lange beschäftigt hat. Sie steht noch, aber im Wohnhaus hat es wohl vor nicht allzu langer Zeit gebrannt.

Die Insel

Wir verlassen die Gemarkungsgrenze und folgen Im Silbertal bis zur Gartenstraße. Wir bestaunen die blühende Kraft zum Teil unerwartet wilder Gärten, nachdem wir den entkräftet wirkenden Kraftort hinter uns gelassen haben. Das von Motoren und Reifen herrührende Rauschen, der Asphalt der Umgehungsstraße haben das Schnaufen und Dadamm-dadamm der Eisenbahn und die Schienen ersetzt. „Ich kann mich nicht mehr erinnern, was hier oben stand, aber ich glaube, hier war mal ein großer Keramikbetrieb angesiedelt“, lässt K. uns wissen, als wir am Ende der Gartenstraße auf der südlichen Anhöhe auf die Fußgängerbrücke über die Umgehungsstraße zugehen. „Aber dieser Bungalow … das sieht alles so anders aus.“

Eine gewisse Desorientierung ist zu spüren. Als hätten wir uns ein bisschen verlaufen. Ich glaube, niemand hat Angst, nicht zurückzufinden, aber wir sind uns alle nicht mehr sicher, ob wir noch in Höhr-Grenzhausen sind. „Die Gartenstraße erfuhr im oberen Teil durch die Bahnlinie ein abruptes Ende und musste mittels einer Brücke mit den Wohnhäusern, Stallungen und dem Heiligenhäuschen, der Maria-Hilf-Kapelle, verbunden werden“, sagt Frieda.

„Diese, durch eine hohe Mauer gehaltene Ansiedlung“, fährt Frieda fort, „wird seither die ‚Alm‘ genannt.“ Vorsichtig überqueren wir die Brücke auf die Insel. Nur um auf der anderen Seite erleichtert, a) Menschen, die einige von uns kennen, zu treffen; b) Wege zu entdecken, die eher die Neugier von Spaziergehenden anregen, als Angst machen; c) die Kapelle und die „Alm“ als überhaupt nichts Touristisches zu erleben, sondern als bemerkenswerten Teil eines neu entdeckten Orts. Und so, stellt Frieda fest, wird „in Höhr-Grenzhausen von einer Insel gesprochen, obwohl weit und breit kein Meer zu sehen ist“.

Als ich das zitiere, nickt unsere Zeitzeugin bestätigend und lacht. Die eigentliche Straße „Auf der Insel“ ist zwar ein Stück zurückversetzt, aber die „Insel“ gibt es heute noch. Die Umgehungsstraße mit ihren Schallschutzmauern erscheint als ähnlich schroffe Schlucht wie die ehemalige Bahntrasse. Auf der Insel ist ein Hauch Frühling zu spüren, auch wenn die Kalte Sophie nun wieder beschlossen zu haben scheint, ihrem Namen gerecht zu werden.

Einige schauen sich das Heiligenhäuschen noch genauer an, andere sind mit Anwohnern ins Gespräch gekommen. Wir haben die Grenze unserer Aufnahmefähigkeit erreicht, und die Gruppe zerstreut sich wie von selbst mit freundlichen Abschiedsrufen im Meer des anbrechenden Abends.

Nachtrag:

Ich habe Frieda Krebs leider nicht mehr persönlich kennengelernt. Sie ist im April diesen Jahres verstorben. Aber sie hat uns von ihr wunderbar erzählte „Geschichte und Geschichten“ über unsere Stadt hinterlassen, die sie in vier Erzählbänden veröffentlicht hat.

Höhr-Grenzhausen. Geschichte und Geschichten (2002)

Streifzüge durch die Vergangenheit von Höhr-Grenzhausen (2005)

Freud und Leid in alter Zeit (2006)

Es war einmal … (2008)

Für mich sind diese vier Bücher Schätze, weil sie Geschichte, Geschichten und Ortswissen mit tiefer Ortsverbundenheit, liebevollem Respekt für die Menschen und erfrischend warmherzigem Humor vermitteln. Ich hoffe, Friedas Präsenz in dieser Nachbetrachtung wird – wie von mir beabsichtigt – als respektvolles Gedenken an sie verstanden.

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