Rückblick: Spaziergangforschung
Eine Nachbetrachtung von Jürgen Ghebrezgiabiher.
„Ich kam die Rheinstraße von Vallendar aus mit dem Bus herauf. Als er in die Rathausstraße links abbog, habe ich dieses Haus gesehen. Ein türkischer Imbiss unten drin. Aber es würde mir schwerfallen, genau zu sagen, was für mich damals das Besondere an diesem Haus war.“
Es war ein flüchtiger und schöner Moment fast am Ende des ersten Stadtspaziergangs, auf dem wir am 15. November 2025 im Rahmen des Modellvorhabens Innenstadt-Impulse in Höhr versuchten, den Begriff „bedeutungsvoller Ort“ dort mit neuem Blick zu erkunden, wo wir die Besonderheiten als Ortsansässige oft für selbstverständlich nehmen.

Ein Rückblick zum Stadtspaziergang im Stadtteil Höhr.
Aber der Reihe nach.
Unsere Spaziergangsgruppe traf sich am Platz der Begegnung. Ein Ort, an dem die Motoren lauter ventilieren, als die Blätter rauschen, denn zwei Drittel sind Parkplatz. Peu à peu versammeln sich knapp 20 Menschen. Niemand setzt sich, obwohl es ringsum einige Bänke gibt.
Ist das ein „Platz der Begegnung“? Oder war er es früher? Als hier noch der alte Höhrer Friedhof lag, der 1926 abgeräumt wurde. Oder als sich um 1930 ein Park von der Rathausstraße bis zu St. Peter und Paul erstreckte? Oder ist er es heute? Beispielsweise weil hier 2025 die erste gemeinsame Höhr-Grenzhäuser Kirmes stattgefunden hat? Oder können wir die Bedeutung dieses Platzes mit unserer Begegnung hier und heute im Sinne seiner Namensgebung untermauern?
Was ist das Besondere an einem Ort? Warum sind Orte nicht austauschbar? Wie erlangen sie Bedeutung für uns und unser Verhältnis zu unserer Umgebung? Ich kam bei der Vorbereitung auf diesen Spaziergang über Fragen nicht hinaus, aber vielleicht lag das auch daran, dass ich erst vor drei Monaten hierher gezogen war.
Allerdings brachte mich der Begründer der Promenadologie Lucius Burckhardt auf eine weitere Fährte. Er schrieb 1979 in Warum ist Landschaft schön?: „In der Umwelt eine Landschaft zu erblicken, ist eine schöpferische Tat unseres Gehirns, hervorgebracht durch bestimmte Ausklammerungen und Filterungen, aber auch integrative Tätigkeiten des Zusammensehens, die das Ergebnis einer vorausgegangenen Erziehung sind.“
Ein Rückblick zum Stadtspaziergang im Stadtteil Höhr.

Ort als Landschaft, so las ich das, und in dieser „Ortschaft“ besondere Orte als Markierungen, Energiepunkte auf einer geheimen persönlichen Landkarte. Ich war sehr gespannt, ob überhaupt jemand aus der Gruppe bereit sein würde, uns an einen persönlich bedeutungsvollen Ort zu führen. Ebenso gespannt war ich, ob ich mit den beiden für mich bedeutungsvollen Orten, die ich in unmittelbarer Nähe unseres Treffpunkts entdeckt hatte, unsere flanierende Erkundungstruppe so anstupsen könnte, dass sich meine viel ortskundigeren Mitspazierengehenden nach und nach selbst durch ihr wohlbekanntes Höhr-Grenzhausen führen würden.
Wie ein ungeplanter Test unserer Willensstärke kam mir gleich zu Beginn die fast beklemmende Passage an der Goethe-Schule und Stadtbücherei entlang vor. Ich wollte unbedingt auf dem wie ein Gittertunnel für Raubtiere bis zur Manege anmutenden Fußweg zu unserem ersten Ort gehen, da ich vermutete, dass er auf der südlichen west-östlichen Wegachse des ehemaligen Kirchenparks liegt.
Ein unwirkliches Tor
„Wie eine Erinnerung an den verschwundenen Park“, dachte ich, als ich es vor kaum zwei Wochen entdeckt hatte, obwohl allein schon das Baumaterial dagegensprach. Von der Schulstraße blicken wir zwischen Mülltonnen und einem Gebäude durch den kuriosen Zierbau auf einen abschüssigen kleinen Parkplatz. Frech, unerwartet und irgendwie spektakulär wirkt das an dieser Stelle. Fast ein bisschen orientalisch, finden einige und erinnern sich, dass das Tor wie zur Bestätigung noch bis vor Kurzem vom Duft nach frischen Backwaren aus der im Haus befindlichen türkischen Bäckerei umweht worden war. Allein das Tor … es gab wirklich allen Rätsel auf.
Und das war die erste Überraschung: Es macht einfach Spaß, sich kollektiv Fragen zu stellen. Dabei stoßen wir nicht unbedingt auf Antworten, aber auf Geschichten.
So spazierten wir den Kirchweg entlang, während J. auf Hausnummernschilder und Dachspitzen zu sprechen kam. „Das sind ja zum Teil kleine Erzählungen! Ich denke, das muss man betonen, denn darin wurden etliche Bezüge zu den Hausbewohnern bildlich aufgegriffen, und ich schätze mal, das sie für lange Zeit wohl zu 90 Prozent aus salzglasiertem Steinzeug hergestellt wurden.“ Und diese Tradition ist offenbar immer noch beliebt.
Die ebenfalls früher üblichen salzglasierten Dachspitzen sind bis auf wenige verschwunden wie der Park. Ihre manchmal märchenhaften Details sind auf die Entfernung kaum zu erkennen, aber diese Art rätselhaft die Dächer ebenso schützender wie krönender Schmuck – einen der letzten hat J. vor Jahren selbst noch angefertigt – wäre einen Verein „Zur Wiederbelebung unserer unvergleichlichen Dachspitzen“ wert. Mich erinnern ein paar sehr fantasievoll gestaltete an mystische Wasserspeier gotischer Kathedralen.
G. und J. schlagen dann vor, die Töpferstraße bergab zu laufen, um eine neuere keramische Ergänzung im Stadtmobiliar, den „Höhrer Hocker“, zu begutachten, aber dann zieht es uns doch instinktiv bergauf.
Das blaue Haus
Ein Hauch von Pilgerweg weht über diese Kreuzung, an der mit der Töpferstraße, der Bahnhofstraße, dem Marienweg und Im Silbertal sechs Straßen aufeinandertreffen. Das blaue Haus „krönt“ diesen Ort und wäre ein kleiner feiner Gasthof, wenn eine Ulme den Außensitz im Vorgarten beschatten und die Doppelgarage des Nachbarhauses einer Kastanie weichen würde.
Doch aus der amüsant gemütlichen Schänken-Fantasie holt uns E. zurück und macht uns auf das gegenüberliegende Haus aufmerksam. Es lädt fast mehr zum Weg- als Hinsehen ein. Aber genau da, berichtet E., „hat noch bis vor gar nicht so langer Zeit der letzte Meister des ‚vom-Stoß-Drehens‘ gearbeitet, gelebt“ und von der Spitze eines Tonkegels kleinste Gefäße, wie beispielsweise Salbentöpfchen, ausgeformt. Gundram Böckling. Aber die mit allerlei Krempel camouflierte „Büssjes-Eulerei“ und der dazugehörige Kannenofen sind Vergangenheit, auch wenn neben dem noch sichtbaren Emblem des Bembels auf der Hauswand eine Weltkugel scheinbar schwerelos im Fenster weitere Aussichten andeutet.
Wir standen länger als vermutet an dieser beeindruckend unspektakulären Kreuzung. Und dann kam die zweite Überraschung: Wir hatten die Führung verloren, ließen uns einer Art Schwarmintelligenz folgend weitertreiben und machten erst mal einen Bogen um die Innenstadt.
Im Silbertal
Wie sagte H. auf unserem Vorbereitungsspaziergang, den ich mir mit ihr gewünscht hatte, weil sie mit ihren jungen Augen vieles an dem Ort, der ihr mittlerweile immer mehr ans Herz gewachsen ist, ganz anders sieht als ich: „Keine Ahnung, warum das so heißt, aber früher klang es für mich so schön abenteuerlich, wie ein Ort aus Winnetou.“ Laut Mineralienatlas der Geolitho Stiftung zu Silbervorkommen gab es „die bekanntesten Blei- und Silbergruben bei Bad Ems, Braubach, Lahnstein (Friedrichssegen) und Holzappel“. Was bedeutet dann „Silber“ in Silbertal?
A. weiß sofort, dass es „ungefähr hier mal Silberminen gegeben hat“, aber da hält die Liste der „Straßennamen und ihre Bedeutung“ der Verbandsgemeinde dagegen: „Im Silbertal: Sehr guter Lehm/Ackerboden – hoher Ertrag.“ Also nur eine schillernde Metapher? Allerdings belehrt uns Heribert Fries mit einer Bildunterschrift in Alt-Höhr-Grenzhausen dann eines Besseren: „Der Förderturm des Silberbergwerks Grube Hainchen – genannt Erzschacht – stand unterhalb des Sonnenweges, die Grubengebäude am Ende der Straße Am Grübchen. In den Jahren 1867 bis 1917 wurde ein verzweigtes Stollensystem in den Berg getrieben. Später wurde die Förderung eingestellt.“
Also doch so ungefähr wie A. behauptet hat, nur am gegenüberliegenden Grenzhäuser Hang. Aber Im Silbertal überrascht uns, obwohl ich glaube, dass die meisten den nächsten Ort eigentlich schon kannten, mit einem weiteren nicht herkömmlichen Fund: „Inmitten einer Kleinstadt […] stand einst der Mondtempel auf einem keltischen Tempelbezirk, dessen Strahlung heute noch meßbar ist und jetzt durch die Pyramiden-Energie verstärkt wird.“
Wir drängen uns als Gruppe auf der vor dem verlassen wirkenden Künstlerhof Starczewski autofreien Straße zusammen. Ein „Zentrum für Geistheilung, Gesundheit und Selbstheilung“ im Westerwald. Vielleicht das erste Mal, dass der Wunsch nach Antworten unsere Lust zu fragen übersteigt. Aber S. weiß zu berichten, dass unter dem erstaunlich großen Bergkristall, der die Pyramide krönt, immer noch Menschen zusammenkommen und trommeln, um spirituelle Energien, Wandlung, Reinigung und Neubeginn zu initiieren. Es war fast zu still in dieser pyramidal „gesegneten Landschaft“. Einige von uns irrten Antworten suchend im Tempelbezirk herum.
Aber dieser Kraftort ist leer, unterscheidet sich für den Moment in nichts außer Äußerlichkeiten von den verlassenen Ladenlokalen im Delta der Rathaus- und Rheinstraße. Nur der Bergkristall und das stoisch brennende Licht im Hausflur des Künstlerhofs trotzen dieser Gleichsetzung. Was aber rufen bestimmte Orte hervor? Stehen wir vor einem spirituellen Gegenstück zu den Silberstollen? Gäbe es hier folglich Radiästhesie, Esoterik, Metaphysik und Parapsychologie „abzubauen“?

Der Künstlerhof Starczewski.
Leerstand
Könnte prinzipiell jeder Ort zu einem Kraftort oder einem Platz der Begegnung werden? Ist Leerstand eine Bankrotterklärung? Wenn ja, für wen, für was? Oder ist Leerstand ein Zeichen dafür, dass selbst in Zeiten eines kategorisch ökonomischen Imperativs Freiräume entstehen und kreativ genutzt werden können?
Leerstand ist ein für unsere Gruppe unter verschiedenen Aspekten schon lang gefütterter Sauerteig, und wir biegen nun schließlich in die Gartenstraße und damit Richtung Innenstadt ab. Doch kaum sind wir abgebogen, gewinnt wieder ein investigativer Instinkt die Oberhand. Ein Hauch norddeutscher Backstein umweht das schon ein bisschen adventlich beleuchtete Mehrfamilienhaus direkt an der Straße, aber einen Großteil der Gruppe fasziniert das dahinter brachliegende Werksgelände der „Thewalt GmbH, Albert Jac. Steinzeug Fbr.“ viel mehr.
A. hat ein oder zwei Einfahrten weiter unten seine Lehre absolviert, „als es hier noch Industrie gab“. Aber obwohl er immer noch hier lebt, kann er nicht mehr mit Sicherheit sagen, welche Einfahrt er mit dem Rad die Gartenstraße bergauf zu seinem Lehrherrn genommen hatte. Er wirkt irritiert. Zu viele Veränderungen. S. hingegen erinnert sich ganz klar: Werkstattsuche. Das Thema löst unter den keramisch Kreativen unserer Gruppe ziemlich spürbar Gefühle wie Verzweiflung, Anspannung und Ohnmacht aus. S. hatte Anfragen gestellt, ob das „Objekt“ zu mieten wäre, aber – und das scheint leider schon längst (und nicht nur unter Keramikerinnen und Keramikern) ein Höhr-Grenzhäuser Treppenwitz geworden zu sein – die Besitzenden (in diesem Fall eine Erbengemeinschaft) bevorzugen oft Leerstand.
Thewalt produzierte unter anderem prunkvolle Bierkrüge. Ein mittlerweile aus der Zeit gefallenes, damals aber ungeheuer lukratives Geschäft. Was insgesamt für salzglasiertes Steinzeug dieser Periode zutrifft. Die Dimensionen werden uns bewusst, als J. und G. augenzwinkernd erzählen, dass sie „mit drei bis unters Dach vollgeladenen Lieferwagen nach Süddeutschland“ fuhren und immer „leer“ zurückkamen.Aber für mich kommt es mit der Symbolik der Bierkrüge zu einem Zwischenspiel, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hätte:Die Loreley ist ein ca. 130 Meter steil aufragender Schieferfelsen und befindet sich auf der Innenseite einer Rheinkurve bei St. Goarshausen. Der Name stammt wohl aus dem alten rheinischen Dialekt „lureln“ (summen) und dem Keltischen „Ley“ [für] Fels. Die starke Strömung des Rheins sowie ein kleiner Wasserfall kreierten ein summendes Geräusch. Dieser Klang, verbunden mit dem Echo des Schieferfelsens verlieh dieser Stelle ihren Namen.Aus dem Nichts liefert mir die Beschreibung eines Hochzeitskrugs „1/2 Ltr. kobalt bemalt mit Brautpaar-Deckel“ eine deutsche Verknüpfung und Definition für Ley-Linien, ein Phänomen, das ich aus England kenne. Mönchspfade, geomantische Verbindungen – ein energetisches „Lureln“ verlockt mich zu Gedankenstreunereien, weil ich zugegebenermaßen dem Rätselhaften eines Orts oft mehr Bedeutung zuschreibe als Kassenschlagern wie „Ausflugsziel“, „Sehenswürdigkeit“ oder „Heimat“.Aber – und das wäre dann die dritte (vielleicht eher persönliche) Überraschung: So weit ich auch im Gedanken abdrifte, so nah bleibt die Gruppe am Ort.
Auf der ungeraden Hausnummernseite kurz unterhalb der Thewalt’schen Brache stehen sie, begutachten das fast ein bisschen schamvoll weit ins Grundstück eingerückte Tiny House und debattieren. Ts. Mutter stoßen sofort die vielen Treppenstufen zum am Hang gebauten Minidomizil auf: „Da tut man sich schwer, wenn man alt ist.“ Aber auch die Pflege des doch ziemlich großen Vorgartens wird infrage gestellt. Trotzdem sind sich alle ein bisschen einig, dass in Bezug aufs Alter und Wohnraum kleiner und überschaubarer gleich sinnvoller gleich praktikabler ist.
Ausruhen
Weiter unten stehen im V zwischen Töpfer- und Gartenstraße zwei Sitzbänke. Eine ruhig wirkende Ecke. Kaum Verkehr, irgendwie einladend. Vielleicht weil eine Art Bucht die Bänke im Rücken „schützt“. „Aber hier sitzt nie jemand“, meint K. „Na, wenn ich keinen Garten, keinen Balkon und dazu auch noch eine kleine Wohnung hätte, würde ich hier vielleicht herkommen, denn der Platz ist nicht vermüllt und wirkt, als könnte man recht ungestört hier sitzen“, findet W. Im Garten darüber wehen Flaggen, zieht geräuschlos ein Mähroboter seine Bahnen.
„Im Haus daneben“, sagt E., „hatte der Höhrer Hausarzt seine Praxis“, und als sie das so sagt, überlege ich kurz, ob es damals wohl nur diesen einen Hausarzt gegeben haben könnte. „Mach dich mal oben frei“, war immer seine erste Anweisung, erinnert sie sich, „bevor er die Untersuchung begann und mir den eiskalten Kopf des Abhörgeräts auf Rücken und Brust presste.“ Auf einem alten Foto steht vor dem Haus der Kirmesbaum. Die lachende Menge scheint ein Mädchen den glatten Stamm hinauftreiben zu wollen. „Für die Kinder hingen Gewinne in Form von Gutscheinen daran“, berichtet Heribert Fries, „aber es gehörte viel turnerisches Geschick dazu, sie zu erklettern.“
Auch wir setzen uns nicht auf die Bänke, trotzdem bewegen uns Fragen wie
„Laden die Sitzgelegenheiten in der Stadt zum Sitzen ein?“ oder „Wer nutzt sie eigentlich, wenn es welche gibt?“ Auch die „Höhrer Hocker“ an der Ecke Schulstraße gegenüber werden kritisch beäugt, und wir nehmen uns vor, einen Stadtspaziergang zum Thema „Sitzen im öffentlichen Raum“ zu unternehmen. „Und was mach ich eigentlich, wenn ich mal müssen tät?“, gibt uns G. noch zu bedenken. Worauf das Ehepaar W. mit klugem Rat für ununterdrückbare Bedürfnisse daran erinnert, dass „Friedhöfe einen entscheidenden Vorteil haben, und das weiß jeder, der wandern geht: Dort gibt es außer des sehr wahrscheinlichen Schattens der Bäume auch eine öffentliche Toilette“. Und ich frage mich, ob der abgeräumte Höhrer Friedhof wohl damals schon so etwas hatte – der Platz der Begegnung jedenfalls hat es nicht.
Doch dann führt uns die Erinnerung von E. noch mal ein kleines Stück bergauf und zurück.
Die Spaziergehenden „Auf dem Acker“.

Auf dem Acker
Wir stehen vor einem Einfamilienhaus, aber E. macht uns auf die daneben liegende Garage aufmerksam. „Das war die Wäscherei Gärtner. Dort habe ich meine zwei, drei Tischdecken – sonst hatte ich nichts für eine Wäscherei, aber die Decken mussten gemangelt werden – immer abgeholt, und es war wie Magie, wenn ich zum Abholen kam, und Frau Gärtner meine zwei Tischdecken mit unfehlbarer Hand aus einem gigantischen Stapel an Wäsche herauszog.“
Wir wünschen uns gerade alle, wir könnten noch mal Tischdecken abholen in dieser Zauberwäscherei, als ein Auto an der Ecke Gartenstraße blinkt und in die von uns blockierte Sackgasse einfahren will. Wir weichen auf den Hof aus, aber schon hält das Auto wieder und blinkt, um auf den Hof einzubiegen. Und heraus steigt Frau Gärtner … und lacht.
Einige aus der Gruppe kennen sie, und schwenken sofort ins Wäller Platt um. Wir erinnern uns, sie erinnert sich, und dann wird erzählt und viel gelacht. Jahrzehntelang befand sich das Geschäft in der Rheinstraße, „aber zum Ende zu musste der Betrieb verkleinert werden, und da haben wir hier dann noch einige Jahre in der Garage weitergemacht“, in der sie sich so traumwandlerisch gut auskannte. Was wäre dieser Ort ohne die Geschichte von Frau Gärtner?
Wie kann die Geschichte und die soziale Bedeutung eines Orts und der Menschen, die ihn ausmachen, zugänglich gemacht oder einfach nur an sie erinnert werden? Gedenktafeln? Zwei-, dreimal lag ein solcher Vorschlag in der Luft. Immer ein wenig angelehnt an dem tourismusfördernden Bedürfnis, „Fremden“ den Ort zu erklären. Aber während Frau Gärtner erzählt, geht es nicht um Historisierung. Die Vergangenheit wird spürbar. Als hätten wir alle ganz unerwartet eine Oma, die uns bereitwillig mitnimmt und herumführt in ihrer Erinnerungsortschaft.
Und ich notiere als vierte Überraschung: bedeutungsvoller Ort = „Frau Gärtner“

Blick auf den Töpferplatz.
Von ihrem Hof sind es zirka 50 Meter bis zu einer vielleicht 150 Meter langen gepflasterten Sackgasse, die sich zu einem erhöht liegenden kleinen Platz vor einem alten Kannenofen weitet. Treffpunkt Kannenofen, so das Motto eines veranstalterischen Weckrufs zur Belebung dieser geschichtsträchtigen Enklave. Einige erinnern sich an „tolle Konzerte“ an dem jetzt ungewöhnlich ruhigen Ort. Verpuffte Zukunftsmusik? Von dem schlossparkartigen Balkon auf Sichthöhe der Höhrer Giebel blicken wir auf den von Autofahrenden gut besuchten Parkplatz an der Töpferstraße, wo wir eigentlich einen Garten erwarten.
Töpferplatz
Also erst mal die Treppen hinunter und genauer hinsehen. Belebter war der Innenstadtparkplatz zur Premiere der Foodtruckmeile Anfang Oktober und beim Weihnachtszauber am zweiten Adventssamstag. „Jahrmarkt“ als Begegnung also? Ähnlich wie auf dem Platz der Begegnung, unserem Ausgangspunkt für den Spaziergang? Und danach fauchen wieder die Lüfter der Motoren?
In die den Hang befestigende Mauer scheinen im Halbrund Votivbilder aufgereiht worden zu sein. Auf Fliesen gedruckte, nie alternde Porträts, die dem Platz den Namen geben. Die Gesichter der Töpferinnen und Töpfer erkennen wir erst, als wir näher herantreten. Und dann erkennen wir auch einige dieser Augen lächelnd unter uns wieder. Die Geschichte hinter dieser unaufdringlichen Erinnerung daran, was die moderne Studiokeramik für diese Stadt bedeutet, erklärt uns A., und führt uns damit im Geist auf einen anderen Balkon.
Vom Ravelin der Festung Ehrenbreitstein blicken diese Gesichter 2011 gleich zu Beginn der Bundesgartenschau in Koblenz teils völlig übermüdet und erschöpft auf den Rhein, der geduldig alles weiterträgt, was an seinen Ufern passiert, und staunen über sich selbst und das, was sie geschafft haben: „Dem Publikum in sechs eigens gestalteten Räumen faszinierende Einblicke in ihre keramischen Welten, in Geschichte und Gegenwart der Keramikentwicklung in Höhr-Grenzhausen zu bieten.“
Als wir uns dann der großen runden Pflanzscheibe im unteren Teil des Platzes zuwenden und versuchen herauszufinden, was die für Höhr- Grenzhäuser Verhältnisse ziemlich karge Bepflanzung bedeuten könnte, hält ein flott eingebogener Wagen in Ich-hol-nur-schnell-Brötchen-Manier schräg vor der Treppe zum Kannenofenbalkon. Stadtbürgermeister Wolfgang Letschert lässt sich trotz karnevalesker Mehrfachverpflichtungen nicht nehmen, die Generalprobe zur Auftaktveranstaltung des Modellvorhabens Innenstadt-Impulse vollständig abzuklappern und somit auch unserer Gruppe kurz den Puls zu fühlen. Aber es sprudelt auch gleich aus ihm heraus:
„Das Wort benutze ich wirklich nicht oft, aber was hier gerade alles passiert und entstanden ist, das ist geil, und das liegt mir am Herzen.“
Damit bezieht er sich auf: Bürger*innen-Dialog, Expert*innenforen und Vorstellung von Zukunftskonzepten in der Zweiten Heimat; Eröffnung des neuen keramischen Kreativzentrums K2; Pop-up-Impulse in der alten Volksbank unter dem Motto „Leerstand wird zum Aktionsraum“. Und inmitten all dieses Engagements wird Höhr-Grenzhausen nicht nur in das weltweite Netzwerk der UNESCO Creative Cities aufgenommen, sondern es entsteht auch noch wie ein Gegenschuss zu den keramischen Porträts „Höhr lacht“. Ein Fotoprojekt von Helge Articus, der im Vorfeld dachte, er bräuchte mindestens ein, zwei Witzbücher, um dem Lachen auf Zuruf auf die Sprünge zu helfen. Aber er hatte nicht mit dieser ungezwungen von lieb, verliebt, frei, spontan über bildhübsch, ungewollt, schlau, frech bis zu aus vollem Halse und voll befreit lachenden Energie gerechnet.
Bevor Wolfgang Letschert im E-Wagen zum nächsten Termin sirrt, erklärt eruns noch, was es mit der Pflanzscheibe auf sich hat: „Hier haben wir ganzfrisch mit hitzeresistenten Stauden bepflanzt. Zu Weihnachten kommt hiernoch der große Baum rein, dann sieht es etwas hübscher aus, aber wir müssen auch bei sowas die klimatischen Veränderungen mitdenken.“
Die Gruppe ist jetzt in Auflösung. Als hätte es ein Schlussbimmeln gegeben oder ein von der Schwarmintelligenz erspürtes Genug oder auch die drückende Blase nach fast zwei Stunden. Aber es fühlt sich auch genau richtig an. S. und ich schlendern durch eine der beiden Einfahrten dieses zum Parkplatz degradierten Geheimtipps – wenn er denn ein innerstädtischer Garten statt nur Pflanzscheibe im Hinterhof wäre. Sie erzählt mir, dass sie, als sie das Motto unseres Spaziergangs gelesen hat, „von Anfang an an den für sie bedeutungsvollen Ort gedacht hat, den sie mir jetzt zeigen will“.
Das Haus hatte ich schon ein paarmal fotografiert … immer von hinten. Ein abgewetzt zwischen türkis und petrol changierender Stuhl (ich kann den Aschenbecher daneben riechen) auf einem Minibalkon zwischen cremegelben und ochsenblutroten Häuserwänden. Wir gehen daran vorbei. In den schon lange ungeputzten Schaufenstern des leerstehenden Eckladens deuten Reste alter Werbung das Ausverkaufsszenario an: Wir kaufen … an. S. erzählt: „Damals war’s ein türkischer Imbiss. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was mich an dem Haus so angezogen oder fasziniert hat. Jedenfalls … als ich es gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich hier, genau hier in Höhr leben will.“
Was für ein Geschenk! Ein Gefühl der Klarheit, ohne zu wissen warum. Ein Gefühl des Ankommens, ohne zu ahnen, was sich daraus ergeben wird. Eine Vision im vom inneren Bild überlagerten Erkennen. Eine Vorstellung, eine Manege, eine Hoffnung.
Und als ich ein paar Tage später die Rheinstraße aus Richtung Vallendar auf den Kreisel mit der Rathausstraße zugehe, wird mir auf Höhe Schützenhof klar, dass genau dieses Haus sich S. wie kein anderes Haus in dieser Reihe mit der ganzen Front zugeneigt haben muss.
Auch interessant:
Zukunftswerkstatt: Bürgerdialog
Donnerstag, 19. März | 19:00 Uhr | Zweite Heimat…
Rückblick: Preview der K² Studios
Mit den neu gegründeten K² Studios wurde ein erster…
Zukunftswerkstatt: Bürgerdialog
Dienstag, 03. Februar | 17:30 Uhr | Zweite Heimat…











