4. Spaziergangforschung Höhr-Grenzhausen

Spaziergang im April: Sitzen im öffentlichen Raum

Worum geht’s?

Der 15. jedes Monats ist Spaziergangforschungstag. Wir nehmen uns Zeit für einen besonderen Ort: unsere Stadt. Dabei ist ausdrücklich das Ortswissen und die Ortskenntnis jedes und jeder Mitspazierenden sehr gefragt! Jeder Stadterkundungsgang widmet sich einem anderen Thema. Am 15. April haben wir uns mit „Sitzen im öffentlichen Raum“ beschäftigt. Der bekannte Spaziergangswissenschafter Martin Schmitz erklärt in einem Interview mit Der Zeit: „Wenn ich eine genaue Aussage über einen Raum treffen will, über eine Stadt oder eine Landschaft, dann muss ich mich in ihr bewegen – ein Standbild reicht nicht. Gehen ist dabei die langsamste, einfachste und daher genaueste Methode, sich eine Umgebung, einen Raum zu erschließen. Und egal, wie oft ich durch ein Viertel schon gelaufen bin: Immer wieder entdecke ich neue Dinge.“ Und wer das nicht glauben will, der kann sich im nachfolgenden Rückblick zu unserer 4. Spaziergangforschung davon überzeugen, wie viele unentdeckte oder in etlichen Jahren nicht wahrgenommene öffentliche Sitzbänke es allein auf einer Strecke gibt, die nur knapp einen Kilometer betragen hat.

Eine Nachbetrachtung von Jürgen Ghebrezgiabiher.

Vorgeschichte

Am 15. November 2025 stand ein Teil der Gruppe, die an der 1. Spaziergangforschung teilnahm, auf dem kleinen Platz Gartenstraße Ecke Töpferstraße und betrachtete aufmerksam die dort stehenden Parkbänke. 

Eine ruhig wirkende Ecke. Kaum Verkehr, irgendwie einladend. Vielleicht auch weil die Bänke durch die Hecken und Mauern der anliegenden Grundstücke wie von einer Bucht „geschützt“ wirken. „Aber hier sitzt nie jemand“, meint K. „Na, wenn ich keinen Garten, keinen Balkon und dazu auch noch eine kleine Wohnung hätte, würde ich hier vielleicht herkommen, denn der Platz ist nicht vermüllt und wirkt, als könnte man recht ungestört hier sitzen“, findet W. Im Garten darüber wehen Flaggen, zieht geräuschlos ein Mähroboter seine Bahnen. 

Wir ließen den Ort noch eine Weile auf uns wirken und dabei kamen wir zu der Überzeugung, dass wir unbedingt einen Stadterkundungsgang zum Thema „Sitzen im öffentlichen Raum“ machen sollten.

Auftakt Sonnenweg

Autakt am Sonnenweg

Am Mittwoch, den 15. April 2026, versammeln sich gut 20 Menschen im Rahmen des Modellvorhabens Stadt.Idee.Wirkung, um in der Höhrer Innenstadt genau über dieses Thema mehr herauszufinden. 

Unser Treffpunkt, ein unbebautes, abschüssiges Grundstück – „da sind wir früher Schlitten gefahren“, merkt D. an –, ist auf einigen Karten als Sonnenweg 15 verzeichnet. Auf dem Gehweg steht eine kleine Bank und ein kommunaler Abfallbehälter. Wir lassen erst mal den Blick über Höhr auf uns wirken. 

„Wenn ihr mich fragt“, beginne ich, um die Gruppe auf den heutigen Spaziergang einzustimmen, „sehe ich von hier aus fast nur gebaute Masse, kaum etwas wie einen nennenswerten öffentlichen Raum. Und trotzdem ist er da, wie ein Netzwerk in einem Körper. Zwischen den Häusern, dort wo die Bewegung und das Leben im städtischen Umfeld stattfindet. Ein Raum, in dem wir improvisieren müssen, Ungeplantes geschehen kann. Ein häufig nur als Transitbereich genutzter Raum, in dem wir uns aber auch aufhalten und begegnen können.“

Aber wie wichtig ist uns öffentlicher Raum? Wie nutzen WIR ihn? Und was für eine Rolle spielen dabei Sitzgelegenheiten?

Sogleich wird die kleine Bank unter die Lupe genommen. „Ist doch ein Witz“, meint K., „hat da schon jemals jemand drauf gesessen?“ „Na ich“, meldet sich U., „ich komme hier auf dem Weg zum Friedhof öfter lang und bin froh, wenn ich mal kurz ausruhen kann.“ „Aber das ist doch nicht wirklich bequem! … und hässlich.“ „Na, ich bin froh, dass sie da steht.“

Ich habe in der Vorbereitung die Behauptung gelesen: Menschen neigen dazu, dort zu sitzen, wo es Plätze zum Sitzen gibt.

Eine Bank nach der andren

Wir machen uns auf den Weg. Den Sonnenweg ein Stück weiter nach Osten und dann den steilen Fußweg hinunter und unter der Umgehungsstraße durch. „Da müsste“, meint mein Nachbar ein paar Tage später, „noch irgendwo ein Hausschlüssel von mir liegen, den ich als Knirps beim Rodeln verloren hab.“ Der Sonnenweghang war vor seiner Bebauung und bis zum Bau der Umgehungsstraße eine einzige Rodelbahn, stelle ich mir vor. Aber Schlittenfahren ist heute wirklich nicht das Thema. „Schon gar nicht bei dem schönen Wetter“, sagt O., der ich von meinem Nachbarn erzähle. 

Schon in der Vorbereitung stieß ich bei einer Firma für Stadtmobiliar auf eine Definition von Sitzen im öffentlichen Raum, die mich sehr inspiriert hat: „Ausruhen, vor sich hin dösen, den eigenen Gedanken nachhängen – dieses zweckfreie Sitzen ist erst mit bequemen Sitzgelegenheiten wirklich denkbar.“ 

Da hat es bei mir klick gemacht, und ich habe sofort „zweckfreies Sitzen“ und „absichtsloses Spazierengehen“ in einen Topf geworfen. Den zweiten Begriff finde ich schon länger zentral für alles Spaziergängerische, war aber fast zeitgleich beim Recherchieren wieder mal darauf gestoßen: „Ein Spaziergang ist in seiner Idealform völlig absichtslos.“ Genau! Gesagt hat das ein weiterer Spaziergangswissenschaftler, den ich nicht kannte: Martin Schmitz. Dinge tun, die kein vorüberlegtes Ziel oder Resultat haben, die sich aus dem Moment heraus ergeben, die wir nicht steuern, sondern einfach nur miterleben wollen, ohne Verwertungsinteresse. Unseren Gedanken, Emotionen und Assoziationen für eine Weile freien Lauf lassen. Ob wir nun sitzen, stehen oder gehen … was für eine heilsame Vorstellung, wenn ihr mich fragt.

Bevor wir losspaziert sind, hatte ich versprochen, die Gruppe zur Einstimmung in der Nähe von St. Peter und Paul an zwei Orte zu führen, die sich hinsichtlich ihres Angebots und ihrer Eignung für ein solches „zweckfreies Sitzen“ deutlich unterscheiden. Aber wir kommen erst mal gar nicht so weit, denn der Ruf „Da ist sie schon die erste Bank!“ zeigt, dass hier heute nicht getrödelt wird mit dem Erkunden. 

Und was für eine Bank! Mit einem wunderbar lächelnden, Brotzeit machenden Bauarbeiter drauf. Mir erscheint er wie ein Sinnbild für etwas, das im März selbst die Wochenzeitschrift Die Zeit beschäftigt hat: „Für eine Bank muss man weder Eintritt zahlen noch etwas bestellen, jeder kann kommen und gehen, wie er will. Man kann darauf wunderbar alleine sein, lesen, dösen, Blicke und Gedanken schweifen lassen – und ebenso wunderbar in Gesellschaft sein.“

Unser Thema ist offenbar Teil eines aktuellen gesellschaftlichen Diskurses. Aber nicht nur das. Wir sind jetzt auch voll bei der Sache. Denn so unauffällig die Bank, die wir gerade entdeckt haben, auch in einem Eck im unmittelbaren Schallschatten der Landesstraße 308 steht, hier wird immer wieder ausgeruht, Pause gemacht, hier treffen sich Leute, häufig auch junge. Stadtbürgermeister Wolfgang Letschert, der mit uns spaziert, hat hier erst vor Kurzem „ein paar bärtige junge Männer“ angesprochen. „Ich möchte gern mit allen Leuten ins Gespräch kommen und auch immer etwas mehr darüber herausfinden, was sie so über das Leben hier in Höhr-Grenzhausen denken. Bei den dreien war ich mir ein bisschen unsicher, aber sie waren total offen und nett.“ 

Direkt neben der Bank klafft die Landschaft auf. Es wird gerade in flottem Tempo abgerissen und neu gebaut, aber wir stehen uns trotz Baulärms ins Gespräch vertieft gegenüber ein bisschen fest. „Wir haben wirklich viele Bänke im öffentlichen Raum“, sagt Wolfgang Letschert. Ein paar zweifelnde Blicke sind zu spüren. Aber um das gleich eingangs zu klären: Es gibt tatsächlich selbst auf unserem kurzen Spaziergang mehr öffentliche Sitzgelegenheiten zu entdecken, als die meisten angenommen hätten. „Allerdings ist die Instandhaltung ein Problem und allein durch den Bauhof nicht zu gewährleisten. Deshalb freuen wir uns über alle, die sich in Form einer Bankpatenschaften engagieren und für dringend benötigte liebevolle Pflege unserer Bänke sorgen.“

Wir schlendern gemütlich die kurze Steigung Am Damm hinauf. Vor dem Eingangsbereich der Sparkasse sind für die Gartengestaltung gedachten, steingefüllten Drahtkörbe auf Sitzhöhe geschrumpft. Der im Sommer eventuell gar nicht ungelegen kommende Gebäudeschatten wirkt jetzt gerade eher düster. Die mit Holzlatten zu Bänken umfunktionierten Gabione werfen mehr Fragen auf, als zu dem einzuladen, wofür sie theoretisch da sind. „War das noch für die Zeiten gedacht, als man hier Kontoauszüge abholte und dann vielleicht sofort durchblättern wollte?“, stellt K. in den Raum. Und wieder die Frage: „Sitzt da denn jemals jemand?“ Wir glauben, glaube ich, in dem Moment alle, die Antwort zu kennen. „Aber gegenüber treffen sich immer wieder Leute, ganze Familien und verbringen da Zeit, die Frauen unterhalten sich, die Kinder spielen und sind vorm Verkehr sicher. Männer sieht man seltener.“

Gegenüber, auf der anderen Seite der Rathausstraße, liegt der Platz der Begegnung, der erste der beiden Orte, die ich mit der Gruppe genauer „befragen“ wollte. Obwohl wir nur rund 20 Leute sind, bilden wir beim Überqueren der Straße eine Schlange, die zu lang ist für die Frequenz an durchfahrenden Autos. Aber wir werden beidseitig von nicht gerade lächelnden, aber geduldig anhaltenden Autofahrern zum Überqueren aufgefordert, obwohl wir uns hier außerhalb des Shared Space befinden.

Zum Niederknien

Als wir den schmalen Fußweg an der Stadtbücherei langgehen, fühle ich mich an die 1. Spaziergangforschung erinnert und muss unweigerlich wieder an einen Gittertunnel für Raubtiere bis zur Manege denken. An der Schulstraße biegen wir links ab und schlendern zum Vorplatz von St. Peter und Paul hinauf. 

Und dann stehen wir vor der „Baumelbank für die Seele“, die dem Haupteingang der Kirche direkt gegenüber aus einfachen Paletten zusammengezimmert worden ist. Beziehungsweise es wird gleich aktiv Probe gesessen und mit den Beinen gebaumelt, da die Palettenkonstruktion eine ganz ordentliche Sitzhöhe hat. „Ich find sie megaunbequem.“ „Aber die ist eben auch nicht nur für den Popo, sondern eher für die Seele gedacht.“ Wir finden eigentlich alle: Das Ding hat Humor.

E., die häufiger ihre Mutter und deren Freundinnen zum Gottesdienst begleitet, macht uns, während wir den Vorplatz gut im Blick haben, darauf aufmerksam, dass es am Weg von der Schulstraße bis zur Kirche – „abgesehen von diesem Kunstwerk“ – keine weitere Sitzgelegenheit gibt. Ihre Erfahrung ist, dass sich gerade die älteren Menschen gern mal auf dem Weg in die Kirche, aber noch lieber nach dem Gottesdienst setzen, um einen Plausch zu halten. 

Unser Stadtbürgermeister ist da ganz Ohr. „Da spreche ich gleich die Tage mal den Pfarrer drauf an.“ Worauf sich, als hätte er ein spezielles Juckpulver verstreut, heiteres Waswirddasdenken in der Gruppe breit macht. „Die ordern wir gleich in Rom.“ „Genau, aber fang da mal bloß nicht nur mit zwei an.“ „Na, dann halt vier, dann haben wir die zwei sicher.“ „Oder gleich Himmelsbänke beantragen.“ „Verlang mal nicht zu viel, sonst kriegst du Büßerbänke.“ „Zum Knien.“ „Und Klingelbeutel statt Mülleimer.“

Ich bin erstaunt, was sich da so unvorhergesehen Luft macht. Eine spontanspöttische Kabaretteinlage? Erinnerungsreste an alte, längst beigelegte konfessionelle Rivalitäten zwischen den katholischen Höhrern und den protestantischen Grenzhäusern? Spitzzüngige Pointen auf institutionellen Reichtum im Vergleich zu leeren Gemeindekassen? Aber das Kichern beweist, dass der Schabernack vor allem amüsiert. „Ich hätte selber nichts gegen ein, zwei Bänke hier auf dem schönen Vorhof. Hier kann man auch mal sitzen, wenn keine Kirche ist“, sagt U.

Als ich anschließend auf den kreisrunden Platz vor dem Gemeindehaus hinweise, spüre ich, obwohl wir keine zehn Meter davon entfernt stehen, ein gewisses Erstaunen. Im Halbrund laden insgesamt drei Bänke zum Sitzen und Verweilen ein. Die Einfassungsmauer im Rücken gibt dem Ganzen ein Gefühl der Geborgenheit und bietet Windschutz. Nicht ganz klar ist die Situation im Sommer, denn obwohl ringsum alles grünt, sind keine schattenspendenden Bäume dabei. Aber die Resonanz aus der Gruppe ist eindeutig. Einige scheinen diesen offenbar gerade neu entdeckten Verweilort sofort in ihrem persönlichen Stadtplan zu verzeichnen: „Hübsch hier.“ „Da kann man mal gut ein Päuschen machen.“ 

Aber auch bei dieser allgemein ansprechenden Entdeckung zeigt sich die wohltuende Vielstimmigkeit unserer Erkundungstruppe und tut sich durch E. kund. „Wenn ich draußen sitze, hab ich auch gern ein bisschen Weitblick. Für mich muss es nicht kuschelig und beschützt sein.“ 

Lieblingsplatz

Wolfgang Letschert bedauert, sich verabschieden zu müssen. Termine! Zufälligerweise sind auch meine Vorschläge zur Route an dieser Stelle beendet. Als hätten wir kurz den Faden verloren, ist eine leichte Unruhe und Unentschiedenheit in unserem Schwarm zu spüren. Aber dann wird schnell klar, dass es erst mal nur eine logische Fortsetzung unseres Erkundungsgangs gibt: Über den Platz der Kinderrechte – der erste in Deutschland, 2017 festlich eingeweiht, inzwischen gibt es bundesweit über 50 – zum Töpferplatz. 

Wir spazieren in Zweierreihe auf dem Fußweg den Hang hinunter. Die Betonwürfel am Wegrand wirken leicht, trotzdem die Zeichnungen der Kinder, die ihre Hoffnungen und das, was für sie Kinderrechte bedeuten, schon etwas verblassen. Und wir finden ganz unvermutet und ziemlich einstimmig unseren Lieblingsplatz. Ein häufig übersehener Ort, wie sich herausstellt. „Ich parke oft auf dem Töpferplatz, aber die Bänke hier hab ich noch nie gesehen“, sagt M. 

Viele setzen sich, als wären sie erschöpft. Doch es ist schnell zu erkennen, dass sie sich einfach wohlfühlen. Wie ein Mini-Amphitheater sind die schon etwas angewitterten Bänke in zwei Reihen hintereinander in den Hang gebaut. In der Mitte der imaginären Bühne steht ein Baum, der aber seltsamerweise gar nicht stört, sondern unsere über Höhr schweifenden Blicke kehren immer wieder zu ihm zurück, um danach wieder in die Ferne zu gehen. M. ist begeistert. „Ein prima Ort, um mal mein Eis zu schlecken.“

Aber es wird auch Kritik laut. Im Schotteroval vor den Bänken liegen mindestens so viele Kippen und Kronkorken wie Steinchen, die zur Schüttung gehören. Mir kommt es vor, als hätten sich seit der bürgermeisterlichen Erwähnung der Bankpatenschaften in ein paar Köpfen schon neue Ideen entwickelt. „Warum nicht eine kleine Gruppe bilden“, schlägt J. vor, „und eine Platzpatenschaft antreten. Da kommen wir dann alle vier Wochen her, machen sauber und schauen nach dem Rechten.“

Ich gebe zu bedenken, dass das natürlich auch eine Zeitfrage ist. Aber J. lächelt breit und meint, „Zeit ist bei mir nicht das Problem“. Woraufhin T. mit ebenso breitem Grinsen in die Runde wirft, „ob man nicht Rentnerzeit wie Emissionszertifikate handeln könnte“? Nichtsdestotrotz wird noch eine ganze Weile über eine mögliche Umsetzung gesprochen. Wir sitzen uns ins Gespräch vertieft und die wärmende Sonne genießend ganz hübsch fest.

Ein Gedanke bleibt mir im Gedächtnis: Eigentlich müsste die Bevölkerung an den Punkt kommen, dass sie den öffentlichen Raum wie ihr eigenes Zuhause behandelt. Besonders Orte, die vielen als Erweiterung des eigenen „Wohnzimmers“ oder als Ersatzgarten oder -terrasse dienen. „Wenn alle beim Verlassen kurz, wie zu Hause, aufräumen und den Platz quasi wie ihre Wohnung ernst nehmen, der eben auch noch für andere da ist …“, überlege ich laut. „Das würde schon einen Riesenunterschied machen“, vollendet K. meinen Satz.

Locker vom Hocker

Aber die Energie dieser Erkundungstruppe sollte nicht unterschätzt werden. Plötzlich heißt es: „Zum Töpferplatz!“ „Die Hocker müssen wir uns noch ansehen.“ Und so stapfen wir die Treppen, die einigen wagemutigen Downhill-Bikern als ernstzunehmende Rampe dienen, weiter hinunter. Doch noch auf dem Plateau unserer Lieblingsbänke entdecken wir rechterhand am Zaun des Sportplatzes und mit einem großen Busch im Rücken gleich noch eine Bank mit Weitblick, die offensichtlich auch gut besucht zu sein scheint. E. zwinkert mir zu.

Unten sammeln wir uns zuerst an dem kleinen Platz an der Töpferstraße Ecke Gartenstraße. Für mich ein Zeichen, dass er, obwohl er nur vom Wegkreuz beschattet wird, wie schon eingangs erwähnt Verweilqualitäten besitzt. Heute sind die beiden Bänke von zwei älteren Männern besetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie öfter herkommen. Der Hund des einen fühlt sich von uns gestört, aber offenbar mag er tatsächlich nur „keine Fotokameras“, wie sein Besitzer versichert. 

Gegenüber stehen auf einem recht großen Tortenstück von Platz Ecke Schulstraße drei Höhrer Hocker, die auf ein Gemeinschaftsprojekt einer Gruppe Keramikerinnen und Keramiker aus Höhr-Grenzhausen anlässlich der Bundesgartenschau in Koblenz 2011 zurückgehen. Ohne den Zuruf von J. hätte ich es wahrscheinlich nie verstanden: Diese Hocker haben eine Sitzflächenrichtung, und im Fall dieser drei neigen sich die Sitzflächen wie zum Gespräch im Dreieck einladend einander zu. Nachdem ich dann „richtig“ Platz genommen habe, stellt sich der Hocker als überraschend bequem heraus. „Heizt sich aber leider bei richtig knalle Sonne zu sehr auf“, fügt J. noch hinzu.

„Hier sitzen oft Leute und essen ihr Eis“, berichtet B. „Nur auf den Hockern?“ „Nee, das sind wirklich manchmal eine ganze Menge, die sitzen dann auch auf der Mauer.“ Die etwa fünfzehn Meter lange Mauer, die den Hang abstützt, hat eine einladende Krümmung. „Da könnte man doch einfach eine schöne Sitzfläche aus Holz montieren“, schlägt N. vor, was sofort auf Zustimmung stößt. „Und dann machen wir’s wie in Ransbach am Erlenhofsee“, ruft M., „und bringen noch ein schönes Schild an: ‚Schwätzbank‘. Das funktioniert da super und macht sofort klar, hier darf man ins Gespräch kommen.“

Abstimmung mit den Füßen

Unsere Spaziererkundungsgruppe beginnt, sich aufzulösen. Ein paar stehen noch an der Gartenstraße, unterhalten sich mit den beiden Männern. Der größte Teil steht auf dem Tortenstück und ist immer noch mit der Umsetzbarkeit der Holzsitzfläche für die Mauer beschäftigt. Und mit dem Ruf „Ferbachtal“ melden sich drei, vier Leute schon von der Töpferstraße, kurz bevor sie in die Rathausstraße verschwinden. „Da gibt es eine Hängematte im Park“, glaube ich zu verstehen, aber ich kann mich auch getäuscht haben. 

„Oder sollen wir noch mal auf den Platz beim Kannenofen hinauf?“, fragt T. Aber K. meint, „ich mag den Platz dort eigentlich nicht, da fühl ich mich wie auf dem Präsentierteller. Das war eigentlich nur schön, als da die Open-Air-Konzerte stattgefunden haben“. Aber seit 2025 hat der musikalische „Treffpunkt Kannenofen“ im Amphitheater des Jugend-, Kultur- und Bürgerzentrum seine „Zweite Heimat“ gefunden. 

Unsere Unentschiedenheit ist spürbar, und so bummeln wir dem Ferbachtal-Ruf hinterher, als müssten wir Zeit schinden. Bis plötzlich Bewegung in uns kommt. „Das neue Café hat ja grad geschlossen wegen Trauerfall, aber die Eisdiele ist offen“, regt M. an. „Ach, das wär eine Idee, was meint ihr“, stimmt K. zu. 

Ich habe immer wieder mit Staunen beobachtet, wie sich bei den bisherigen Spaziergangforschungen das Ende ganz von alleine eingeläutet hat. Ein paar Leute, die eh schon mal los müssen – „wird Zeit für mich“. Eine gewisse Orientierungslosigkeit, weil der nächste Vorschlag, wohin es gehen soll, nicht mehr so geschmeidig auf die Zustimmung der ganzen Gruppe stößt. Ein unterschwelliges Zögern und Zaudern weiterzugehen, als wären wir vor Ort noch nicht ganz fertig. Die Kleingruppen, die sich im Verlauf des Spaziergangs immer wieder gebildet haben, verfestigen sich und irgendwann geht die erste in eine andere Richtung oder einfach auf eigene Faust weiter. Und schon löst sich das Ganze in unausgesprochener Einvernehmlichkeit auf.

Mir gefällt das. Es fühlt sich stimmig an und spricht meines Erachtens für die Eigenständigkeit all der immer wieder unterschiedlichen Gruppen bisher. Sie lösen sich mit derselben gutgelaunten Selbstverständlichkeit auf, wie sich alle gegenseitig durch ihre eigene Stadt führen und gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen.   

Und so landet unsere kleine Gruppe von acht, neun Leuten zum Schluss in der Abendsonne bei Angelo Vallana im La Ceramica bei Kaffee, Kuchen und Eis, als wären wir durch die Zeit ins Schlusskapitel der Nachbetrachtung zur 3. Spaziergangforschung im März spaziert. Hammer!

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