3. Spaziergangforschung
Sparziergang im März: Gaststätten – gestern und heute
Eine Nachbetrachtung von Jürgen Ghebrezgiabiher.
Vorgeschichte
Das Thema habe ich mir keineswegs ausgedacht. Es wurde mir präsentiert. Und das auf sehr bemerkenswerte Weise, denn ich spazierte gerade absichtslos über den Alexanderplatz, als mich die Schaufenster des ehemaligen Modehauses Himmerich widerspruchslos anzogen: ein Kaleidoskop der Höhr-Grenzhäuser Geschichte, das der Fotogruppe der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Kultur (GSK) zu verdanken ist.
Im Vorfeld zum eigentlichen Stadterkundungsgang habe ich mir speziell das Schaufenster „Gaststätten unserer Stadt“ wiederholt angesehen: Als hätte Höhr-Grenzhausen mancherorts fast nur aus einladenden Wirtschaften bestanden. Ein Bild des Lebens! Orte der Begegnung, des Beisammenseins. Offene Wohnzimmer! Wie konnte eine solche Vielzahl an Gaststätten in einem nicht gerade riesigen Ort überleben? Das konnte doch Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur am Tourismus liegen, auch wenn Höhr damals „Luftkurort“ war. Und täuschte ich mich, oder waren diese Wirtshäuser tatsächlich Treffpunkte für jedermann? Für jedermann, vor allem aus dem Ort wohlgemerkt.
Heute scheint mir der Gastronomie hingegen der Mittelbereich zwischen Sternerestaurant und Lieferservice verloren zu gehen. Aber wie sieht das konkret aus, dieses Heute und Gestern? Wo gehen wir heute aus? Findet unsere Begegnungskultur überhaupt noch statt, ohne dass wir vorher Termine machen müssen?

Am Schaufenster des ehemaligen Modehauses Himmerich mit der Ausstellung „Gaststätten unserer Stadt“
Am Sonntag, den 15. März 2026, versammelte sich eine Gruppe von etwa 50 Menschen im Rahmen des Modellvorhabens Stadt.Idee.Wirkung, um auf einer denkbar einfachen Route, die uns unsere legendäre Wirtshauslandschaft vorgezeichnet hat, das gastronomische Gestern und Heute vor Ort zu erkunden. Wir spazierten von der Rathausstraße 28 zum Alexanderplatz und folgten anschließend der Rheinstraße bis zur Töpferstuben. Nicht mal 1000 Meter, aber, wenn wir zurückblicken, eine schier unfassbare Dichte von Gaststätten, Hotels und Cafés, aufgezogen wie auf einer Perlenschnur.
Oder wie sich mitspazierende Zeitzeugen erinnern: „Wenn wir unten im Casino mit’nem Kurzen und’m Bier angefangen haben und dann durch alle Kneipen gezogen sind, konnten wir oben an der Rathausstraß nicht mehr gradaus laufen“, erzählt A. und lacht. S., der mitgehört hat, hakt ein: „Und wie nennt man das?“ Wir schauen ihn fragend an. „Indianer.“ Er grinst schön breit in der Kunstpause: „Von einer Kneip in’d’anner.“ Aber R. bringt uns wieder zurück zum Thema. „In Höhr wussten die Leute zu feiern und haben keine Gelegenheit ausgelassen.“
Doch in den Gaststätten und Cafés wurden nicht nur Feste gefeiert. Der Gang dorthin war, so mein Eindruck, viel alltäglicher. Es waren Anlaufstellen. Für heutige Begriffe womöglich Drehscheiben für Austausch und Begegnung. Hier trafen sich die Menschen ohne Verabredung. Und sie kamen oft.
Heribert Fries hat auf dem Innendeckel seines Buchs Alt-Höhr-Grenzhausen lokale Werbeanzeigen aus dem ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts versammelt. Bei den Gaststätten fiel mir eine wiederkehrende Formulierung auf: „reine Weine, feine Biere, gute Küche zu mäßigen Preisen“. War das vielleicht der Schlüssel für diese legendäre Wirtshauskultur? Orte, an denen sich viele wohlfühlen, genießen, Zeit verbringen, weil sie ungezwungen viele andere treffen, und wenn sie heimgehen, immer noch Geld in der Tasche haben? Und hing diese Dichte an einladenden Wirtschaften direkt vor Ort womöglich auch damit zusammen, dass die Leute damals vor allem zu Fuß unterwegs waren?
„Na, wir ja heute auch mal wieder“, dachte ich.
Wo fangen wir an?
Als ich am Ende unseres zweiten Stadterkundungsgangs im Januar auf das Thema des nächsten zu sprechen kam, und meine Ratlosigkeit bezüglich eines geeigneten Treffpunkts äußerte, sprang mir S., selbst Gastronomin, bei. „Lauf doch einfach an der Tenne los. Wir hatten samstags immer zu, denn wir wollten keines der Livekonzerte verpassen.“ Und sie machte den Eindruck, als hätte sie auch einiges an Erzählenswertem parat. Aber dann konnte sie nicht mitspazieren, hatte mich aber vorher mit fünf Seiten Tenne-Fakten versorgt.
Und nun stehen wir vor diesem verschwundenen Ort, eine beachtliche Traube von Menschen. Die Autos staunen im Schritttempo an uns vorbei. Vielleicht ist uns ja anzumerken, dass wir uns gar nicht so sehr im Hier und Jetzt versammelt haben als vielmehr in einer noch genauer zu bestimmenden Vorstellung von Gestern und Heute.
Das Gebäude, vor dem wir stehen, betreibt Jetztzeit-Camouflage: hinten Spielhalle, vorne ein Haar- und Make-up-Laden. Das Kaiserliche Postamt, das hier samt Spitzturmhauben stand, ist schon lange her. 1898 erbaut, ab 1928 Höhrer Rathaus, wurde das Vorzeigebauwerk 1945 ausgebombt. Anfang der 50er dann Metropol-Kino, das „für die Begriffe der Nachkriegszeit und der Ortschaft“, laut Frieda Krebs in Höhr-Grenzhausen. Geschichte und Geschichten, „als absoluter Prachtbau mit 400 Sitzplätzen erbaut“ wurde. Ein Begegnungsortkiller, der noch häufiger im Gespräch benannt werden wird, taucht hier schon auf: der Fernseher – je mehr Flimmerkiste, desto weniger Lichtspielhaus. Für etwa ein Jahrzehnt belebte die Metropol-Stuben mit Kegelbahn danach das Gebäude. M. erinnert die Gaststätte als „ansprechendes Speiselokal mit einem erstaunlich akrobatischen Kellner, der mit vollbeladenem Tablett die Türen mit dem Fuß öffnen konnte“.
Das war alles, bevor die Tenne in den 1980ern zur Tenne wurde. Und wir sind bisher nur ein paar Schritte den Fußweg hochgegangen, der schon damals zwischen Nassauischer Landesbank und Kaiserlichem Postamt Richtung Bahnhofstraße führte, damit meine kleine Einführung zu Beginn des Stadtspaziergangs nicht im Verkehrsrauschen der Rathausstraße verpufft.
Für mich war die Tenne, je mehr ich darüber erfuhr, zu einer Art Spätgeburt der historischen Wirtshäuser geworden, ein vielleicht für unser Verständnis wichtiges Bindeglied zwischen Gestern und Heute. Über ihren Erfolg als Dorf- (1980er) oder Rockerkneipe (90er) konnte ich nicht viel erfahren, aber sie deckte wohl einen vorhandenen Bedarf. Doch in einem knappen Jahrzehnt um die Jahrtausendwende mit Holger Dill und Heike als Wirt und Wirtin wurde aus der Kneipe für etliche Menschen aus Höhr-Grenzhausen, aber auch von außerhalb, Kult. Eine davon war S., meine „Informantin“, die genau zu dieser Hochzeit jung und erlebnishungrig in unsere Stadt kam.
Im kleinen Mini-Hof gab es einen Mini-Biergarten. Zwei der damaligen Biertische sind heute Teil meines Keramikmarktstands. Von Spieleabenden bis Beach-Party – drinnen mit Sandstrand, sodass es Monate später immer noch unter den Schuhen geknirscht hat –, von Studentenabenden (donnerstags) mit günstigen Preisen bis zu den genialen Live-Konzerten wurde Jugendlichen und jungen Erwachsenen die ihnen entsprechende Kneipengemütlichkeit geboten. Besagte Donnerstage führten an der Fachschule übrigens zur Änderung des Stundenplans, da freitags morgens um acht niemand mehr zum Fachrechnen kam.
Zeit und Räume zum Träumen, Chillen, Zusammensein, Zeit verbringen mit Dingen, die sich aus dem Moment ergeben. Auch wenn die Tenne offenbar so am Ende nicht durchzuhalten war. Ein Musikförderverein versuchte, die Legende über ihre Zeit zu retten. Für den Erhalt der Tenne wurde demonstriert. Für die Neueröffnung der Gass – „da kommen wir später noch vorbei“ – von Jugendlichen eine Petition angeleiert. Beides verlief im Sand. Wie sehen die Jugendlichen das heute? Bräuchten wir nicht alle Orte, wo wir einfach mal spontan hingehen können und fast sicher sind, dass wir jemand treffen, mit dem uns die Zeit nicht lang wird?
Shared Spaces
Das V der Rathaus- und Rheinstraße mit Knick am Alexanderplatz in Höhr ist ein sogenannter Shared Space. „Dieses Konzept entstand aus der Einsicht, dass immer mehr strafbewehrte Verkehrsregeln, Verkehrsschilder, Ampelanlagen und bauliche Maßnahmen zur Trennung zwischen Fußgängern, Fahrradfahrern und Autos letztlich nicht immer zu mehr Verkehrssicherheit führen, sondern oft nur zu einem gefährlichen Schein von Sicherheit“, stellt das Quartiersmanagement 2015 klar.
Die Größe unserer Gruppe bedeutet räumlich eine fußgängerisch kritische Masse, eigentlich ein Hindernis. Aber der motorisierte Durchgangsverkehr pirscht sich behutsam an uns vorbei, obwohl der Shared Space eng wird, insbesondere wenn wir uns aus dem Gänsemarsch mal wieder vor einer Entdeckung knäulen. Wie viel es zu entdecken gibt, haben wohl die wenigsten erwartet. Aber das liegt vor allem daran, dass unser „Shared Space“ ein zeitlicher ist, der dieser vordergründig etwas verlebt und vergessen wirkenden Straße anhand ihrer geschichtlichen Verquickungen buntes Leben einhaucht.
Kaum haben wir die Beine ein wenig gelockert, stauen wir uns kurz hinter dem Stadtcafé Meurer (Ra35) und müssen gleich unsere Fantasie bemühen, denn in dem schon länger leerstehenden Gebäude (Ra33) residierte eins der beiden Höhrer Weincasinos. Um S., engagierter Anwohner der Rathausstraße, bildet sich eine lauschende Traube, die sein Bericht bis in den Gewölbekeller führt, der im Zweiten Weltkrieg gleichzeitig Luftschutzraum war. Ich stehe neben A. – bei dem ich mehr und mehr vermute, dass ich in ihm endlich einen ehemaligen Euler kennenlernen darf – , der in seiner bodenständigen Art die Lokalität kommentiert: „Da gab’s einige Herren in der Casinogesellschaft, die wollten sich von den Biertrinkern abheben und saßen im Frack vor riesigen Bowlen und tranken ausschließlich Wein. Aber es ärgerte sie gleichzeitig, dass sie den Wein im Gegensatz zum Bier nicht einfach teurer machen konnten wegen der Exklusivität, denn wer sollte das dann noch trinken?“ Im selben Moment dringt die Stimme von S. tatsächlich bis zu uns durch, der gerade von Ambitionen der Gesellschafter im Weincasino „auf Augenhöhe mit dem Rotary-Club“ berichtet.
Gegenüber der King Koong Asia Express (frisch zubereitete Speisen, Lieferservice im Umkreis von 10 km) und das Eiscafé Venezia (geschlossen).
Ganz anders, aber auch etwas jüngeren Datums, ging es in der Stadtschenke (Ra16) zu. Betreiber war Heiko Klee. „Eine echte Feierabendkneipe“, heißt es aus der Spaziergangsgruppe nicht nur von älteren Semestern. U., sympathisch gerockter Rocker mit buschigen Koteletten und Basecap, erinnert sich, dass er kurz vor der Schließung mal drin war, ein Bier trinken. „Das durft ich aber damals eigentlich noch nicht, war gerade mal 14 oder 15, aber bei Heiko ging das.“
Wir rücken hausnummernweise vor. Zur neuen Post (Ra23). Inhaber Lorenz Laurenty. Jakob, Sohn von Lorenz, und sein Vetter Josef prosten in einem Foto um 1900 mit ihren Bierkrügen etwas steif, aber auch feierlich in die Kamera. Frieda Krebs berichtet in Streifzüge durch die Vergangenheit von Höhr-Grenzhausen, dass Josef „in dem schön verzierten Backsteinhaus, heutige Rathausstraße 25, seine Kindheit und Jugendzeit verlebte“. Den beeindruckenden, bis zur Dachgaube hochgezogenen Mittelteil der Backsteinfassade krönen Halbmond und Stern der türkischen Flagge. Unten bietet „Easy-Grill“ heute Döner und Pizza an – eingewandert. Ausgewandert hingegen Josef Laurenty. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gehörte er zu „etwa 6 Millionen Deutschen, die zwischen 1830 und 1930 nach Übersee gingen.“ Und der Zweite Weltkrieg verhinderte seine Rückkehr, trotz der Sehnsucht nach seiner Heimat, fährt Frieda Krebs fort. „Als ihn nach 1945 die Mitteilung erreichte, wie schlecht es um die Versorgung der Menschen in dem kaputten und ausgemergelten Deutschland und somit auch um seine Freunde und Bekannten in Höhr-Grenzhausen stand, schickte er 1946 unzählige Care-Pakete an alle, die er kannte.“
Gegenüber ein Dürüm Kebap Pizza Haus (frisch zubereitete anatolische Speisen des Ehepaars Polat).
Wir nähern uns langsam dem Knick im V und einer eindeutigen Verdichtung gastronomischer Betriebe im Zentrum. Café Raab, Hotel Müllenbach, Conditorei Rünz, Gasthof Zum Anker, Westerwälder Hof, Altes Weinkasino, Zum Schützenhof, Gasthof Wissing, Gastwirtschaft Meurer und „Die Trapp“, allesamt in oder an diesem kleinen Straßenbogen. Und obwohl die gegenwärtige Situation nicht an diese legendäre Wirtshauslandschaft heranreicht, entdecken wir deutliche Spuren, die aus Historischem ein immer noch aktives Heute gemacht haben.
Gestern im Heute
Der Ursprung des Ristorante Di Vino war das Hotel Müllenbach (Ra10). Restaurant, Hotel, Festsaal mit Terrasse und Biergarten. Aber das eindrucksvolle Anwesen löste sich zusehends auf. „Beachtet mal den Zustand des Hauptgebäudes auf den Fotos“, wies uns Rudi Himmerich an, als wir nach dem Spaziergang seinem spannenden Fotobericht folgten. Innerhalb weniger Jahrzehnte gehörten immer weniger Gebäude zum Müllenbach, der Putz bröckelte sinnbildlich und zur Jahrtausendwende war das ehemalige Hotel Müllenbach gastronomisch nur noch zur Hälfte besetzt mit einem Imbiss: Kick-in. Das direkt gegenüberliegende „Café Wellblech“ könnte zeitweilig in diesem Niedergang wie eine die Sinne beißende Verschärfung der Situation gewertet werden, denn das einstige Pissoir war laut M. „durch seinen Geruch auch im Dunkeln aus 100 Metern Entfernung zu finden“.
Das Di Vino hat sich des Gebäudes angenommen, es nicht nur gastronomisch wiederbelebt, sondern auch in modernisierter Form den alten Glanz des Hauses respektvoll wiederhergestellt. Und womöglich dadurch auch einen Teil der alten Attraktivität geerbt, denn offenbar erfreut es sich einiger Beliebtheit.
Kaum haben wir den Spagat über gut 100 Jahre gedanklich geschafft, blicken wir die einmündende Töpferstraße hinauf in die 1960er und ein paar feier- und tanzfreudige Jahrzehnte, denn dort gab es im Keller unter einem Modehaus und dem Café Grävert … da macht R. eine Kunstpause und schaut in die Runde … und als käme die Erinnerung plötzlich zurück, kommt die Antwort dann von mehreren gleichzeitig: „das Blue Night“. Vom Grauschopf bis zum Mittvierziger scheint die ganze Gruppe sich an damit verbundene Erlebnisse zu erinnern.
Erst Tanzlokal vieler Ü60er in unserer Gruppe, dann Diskothek oder Club, wo Rocker-Clans die Gangart bestimmten. „Mehr als zwei Clans ging nie gut“, erinnert sich U. Ein klareres, härteres Umfeld als in der Tenne in ihren Rockerkneipenzeiten. „Ich war als Jugendlicher total fasziniert von dem Ort. Gehörte dazu. Ich musste mich da nicht fürchten. Die Zeit im Blue Night hat mich geprägt, ich hab Erfahrungen gesammelt. Da gingen Sachen ab, da merkte man sofort, wat sein kann, aber nit sein muss.“
Gegenüber gab es die Conditorei Rünz und den Gasthof Zum Anker, der eine frühe Jukebox Marke Eigenbau aus einem Röhrenradio, das auf einer Kommode mit einem Plattenspieler stand, und einen Fernseher hatte, der K. zufolge durchgehend lief und das so laut, dass seine Eltern irgendwann beschlossen nicht mehr hinzugehen.
Während noch durchtanzte Nachmittage, Abende und Nächte durch so einige Köpfe unserer Gruppe spuken, haben wir uns wie die gerade aus dem Bus gekletterten Teilnehmenden einer Kaffeefahrt vor dem kulinaricaplus+ (Ra3) gestaut und blockieren den Eingang. Erst vor ein paar Monaten eröffnet, ist der wirklich enorme Saal des Bistros gleichzeitig Showroom der zweiten Leidenschaft des Wirts: „Großformatige, bedruckte Fliesen, die Geschichten aus verschiedenen Epochen lebendig werden lassen. Eine faszinierende Reise durch Zeit, Ausdruck und Design.“ Als hätte René Rasbach unseren Spaziergang durch die Zeit vorausgeahnt, auf dem er uns aber auch freundlich ins Jetzt zurückholt und – „jetzt“ ganz der Gastwirt – uns mit freundlich breitem Lachen in den eh schon gut gefüllten Saal bittet: „Die Kaffeemaschine ist schon auf Hochtouren und der Kuchen geschnitten.“
Wir rücken ein paar Meter weiter, um wenigstens den Eingang für potenzielle Gäste freizugeben, bleiben aber zeitlich in der Nachkriegszeit. R. deutet über die Straße und nun wünschte ich, S. hätte doch mitspazieren können, denn wir sprechen jetzt genau über das Haus, das ihr bei ihrer Ankunft in Höhr das entscheidende Gefühl gegeben hatte: „Hier bin ich richtig, hier will ich bleiben.“ (Siehe dazu den Rückblick zur 1. Spaziergangforschung.)
„Ende der 1930er war dort ein Konsum“, berichtet R. Mich macht das Wort – betont auf der ersten Silbe! – immer ein bisschen vergnügt wehmütig, denn ich denke sofort an meine Oma, die mich frühmorgens oft in den kleinen Konsum bei ihr um die Ecke schickte, der in meiner Erinnerung nach frischen Brötchen und Teewurst duftete. „In den 60ern zog dort die erste italienische Eisdiele ein, geführt von der Familie Brustolon.“ Und dann wurde daraus noch mal für eine Weile eine Kneipe: das Stolpereck – S. hatte offenbar über gar kein anderes Haus so bezaubernd „stolpern“ können.
Spazierstehen
Knapp hinter dem Schützenhof (Rh1) der Familie Gerz hätten wir laut stiller Post in der Gruppe in der Mittelstraße das zweite Höhrer Weincasino herauskragen sehen können. Doch die meisten sind schon mit dem Gefühl der Zeitreise beschäftigt, die uns eine einfach 180-Grad-Drehung beschert: Zum Schützenhof – heute und gestern.
Der Biergarten in Jetzt-Color ist noch im Winterschlaf, der im Schaufenster „Gaststätten unserer Stadt“ schwarz-weiß in frühlingshafter Blätterpracht und Blüte. Und Rudi Himmerich wird das Gefühl von nicht mehr zu unterscheidenden parallelen Welten im anschließenden Fotobericht noch durch die prachtvolle Kolorierung dieses Biergartens verstärken. „Mich hat das selbst überrascht, was die KI da macht, denn abgesehen von der überwältigend stimmungsvollen Frühlingsatmosphäre im erfrischenden Schatten der alten Bäumen stimmen meiner Erinnerung nach die Gebäudefarben fast bis aufs Haar.“
Der heutige Biergarten des Schützenhofs, der behutsam restauriert nun schon seit Jahrzehnten erfolgreich von Pino Confuorti betrieben wird, ist nicht mehr ganz so groß, geht aber in die Außensitze der nebenan angesiedelten Eisdiele La Ceramica (ebenfalls Rh1) über. Die ist mir zum ersten Mal an einem der ersten, richtig sonnig warmen Tage Anfang März aufgefallen, weil es so voll war, dass sich die Eis schleckenden Gäste sehr genießerisch bis auf den Alexanderplatz hinaus verteilt hatten. Und auch wir stehen in der Sonne und machen für den Moment wenig Anstalten weiterzugehen.
„In der Rheinstraße, mitten in der Gemeinde, stand die Gastwirtschaft Meurer. Inhaber war Robert Neidhardt, der mit seinen Söhnen oft für die Gäste musizierte. Das Haus wurde um 1936 niedergelegt.“ Als Heribert Fries 1986 sein Buch Alt-Höhr-Grenzhausen herausbrachte, wurde dort geparkt, wo sich heute der Alexanderplatz bei sommerlichen Temperaturen bis an die Schneebergstraße mit Eisliebhabenden füllt. In beiden Fotos, die Fries heranzieht, „tanzt“ eine mindestens zehn Meter lange Leiter um diesen Meurer’schen Gemeindemittelpunkt, um entweder an die Luftkabel am Mast vor der Wirtschaft zu gelangen oder hinauf zum ebenso hohen Dach. Und immer ist es nur ein einziger Mann, der diese endlose Leiter bewegt und offenbar auch besteigt, als verleihe ihm das Gebäude besondere Kraft und Mut.
Die Nähe zur ale Bur („alter Born“) wird dem Gasthaus nicht geschadet haben. Zwar tranken die Leute dort auf den Bänken nur das laut einiger Vorfahren der Mitspazierenden köstliche Ferbachwasser, aber die unkomplizierte Ungezwungenheit an einem solchen Ort ins Gespräch zu kommen, lässt mich gleich hoffen, dass die Verbandsgemeinde sich aufgrund unseres ebenfalls köstlichen Leitungswassers an Rom und seinen Trinkwasserbrunnen ein Beispiel nähme. Statt 2500 wie in der Heiligen Stadt wären in unserer UNESCO Creative City wohl schon eine Handvoll dieser „Nasoni“ eine Attraktion und böten gerade im Sommer Einheimischen wie Besuchenden ein köstliches, durststillendes Nass und Grund zum Verweilen.
Der Gasthof Wissing (Rh4 oder Rh6) blieb bei unserem Gang unerwähnt. Im Krieg zerstört machte er den Weg frei, die Rheinstraße etwas zu verbreitern, was angesichts der Straßenbahn und des zunehmenden Verkehrs kaum zu vermeiden war. Abgelenkt hat uns schlussendlich jedoch der Hinweis auf einen Schaukasten, der mittlerweile funktionslos, nachdem er zuletzt offensichtlich der Töpferstuben zu Reklamezwecken gedient hat, an der Ecke Rheinstraße Schneebergstraße hängt. Diesmal fällt es unserer Fantasie leicht, die Geschichte zu bebildern. „Früher füllten diesen Kasten die Ankündigungen für die Aufführungen im Metropol-Kino, die in den 1970ern auch gern mal freizügiger waren. Allerdings ging“, berichtet R., „genau hier auch die Fronleichnamsprozession vorbei, was der Frau der Mosterei Weber gleich dort hinten natürlich sofort auffiel und ihren weiblichen Pragmatismus beflügelte. Sie schnappte sich ein großes Laken und verhüllte den Schandfleck flugs kurz vor Eintreffen der Prozession.“
Initiative Polonaise
Die Eigendynamik der Spazierganggruppe ist jetzt an ihrem Höhepunkt angelangt. Während sich einige noch über diese Anekdote amüsieren, gehen andere in kleineren Trupps schon mal vor und drei Damen interessieren sich, offenbar vom Spazieren und Erkunden inspiriert, auf eigene Faust für die Hintergründe um die wie eine Kneipe klingenden Elfbar (Rh8). Sie haben den Betreiber in ein Gespräch verwickelt. Ich nähere mich, bin neugierig, worum es geht, verstehe aber kein Wort. Als würden sie in einer anderen, mir unverständlichen Sprache reden. Doch sie verstehen sich. Vielleicht kann ich mir für den Moment einfach nur nicht vorstellen, worum es in dem Gespräch geht. Der Kioskbesitzer lächelt sie an und sie verabschieden sich freundlich mit einem „bis demnächst“.
Ich bin jetzt das, was ich bei diesen Stadterkundungsgängen am liebsten bin: eine Art Pilotfisch. Ich begleite etwas, das aus sich selbst heraus einen besonderen Moment entwickelt. Und obwohl die Stimmung der Straße sich ein wenig verdüstert, bleibt die Stimmung der Gruppe freudig gespannt und vergnügt nach weiteren Entdeckungen Ausschau haltend.
Ich lande in unserer Ortsstraßenpolonaise nochmals neben A. Wir stehen vor vier Garagen, zwei Parkplätzen und einem leeren gläsernen Schaukasten. Auf dem Gelände stand ehemals „Die Trapp“ (Rh15). Inhaber Ernst Lohner. Danach wurde es das Rebstock der Kaufmanns. 1978 abgebrannt. A. erzählt, „bei den Kaufmanns waren wir nach dem Kino immer noch was Kleines essen und trinken“. Das klingt einladend und gemütlich. Genau das Gegenteil von dem, was wir betrachten.
Direkt daneben die Hülle einer deutsch-türkischen Freundschaftskneipe (Rh19). Ein Gebäude, das die Antwort verweigert. Ein Kommentar geht in die Richtung, „damit hatten wir nie was zu tun“. Und ich bin froh, dass A. der Gleichgültigkeit zwischen unserer Gruppe und dem Gebäude etwas Erinnerungswertes einhaucht. Vorbesitzer war wohl der Friseur Hartmann, der nicht mit der Schere, sondern mit manueller Haarschneidemaschine operierte: „Mensch, hat das gezuppelt.“
Gegenüber: Tapas Olè. Dämmmaterial als Schaufensterdeko – eher Ade statt Olè. Wir spazieren kommentarlos weiter.
Daneben das Déjà-vu. Niemand von uns weiß, was hier früher drin war. „Wie lange gibt’s das denn schon?“ Die Gruppe irritiert, ignoriert, will weiter, während im Déjà-vu Würfel fallen und Rauch aus der geöffneten Tür quillt. Das trotz historischer Bausubstanz von allen wenig beachtete Lokal war laut G., die ich ein paar Tage später treffe, „früher die Kneipe der Techniker, während die Studierenden an der Fachschule in die Tenne gingen“.
Nur ein paar Schritte weiter bleiben plötzlich alle vor der ehemaligen Volksbank stehen. Es zeichnen sich einige Fragezeichen auf den Gesichtern ab, während wir in Hörweite zu Rudi Himmerich instinktiv eine Traube bilden. Er strapaziert unsere Fantasie diesmal gehörig, denn hier (Rh26) stand früher „der Gasthof Rheinischer Hof mit seiner bemerkenswerten Jugendstilfassade, der 1930 an die Gewerbebank Höhr veräußert wurde“. In der Gruppe werden Stimmen laut, die daran erinnern, dass „in Höhr doch etliche bemerkenswerte Bauwerke einer Politik der übereilten Abrissbirne zum Opfer gefallen sind“.
Auch für die Gewerbebank war Ende der 1960er Schluss. Offenbar entsprach das Gebäude den modernen Sicherheitsanforderungen an eine Bank nicht mehr und hat der Stadt den sicherheitstechnisch angemesseneren Betonbrutalismus beschert, vor dem wir stehen. Die darin verbauten zig Tonnen des mittlerweile fragwürdigen Baustoffs sind aktuell wohl im Abriss ein ebenso enormes Problem für die Verbandsgemeinde wie in der angedachten Wiederbelebung und Umnutzung, zu der es im Rahmen des Modellvorhabens Stadt.Idee.Wirkung schon richtungweisende Projekte und Überlegungen gegeben hat.
Wer das Gebäude schon mal ein wenig erkunden konnte, wird E. und T., die zur Auftaktveranstaltung des Modellvorhabens #HöhrHinaus kleine Gruppen durch die „alte Voba“ führten, zustimmen: „Allein wie hier drei, vier Gebäudekomplexe völlig unbekümmert zusammengewürfelt wurden und dabei dieses irre Labyrinth an ebenso vielen sich ineinander verkeilenden Treppenhäusern entstand, ist absolut sehenswert. Und man kann sich eigentlich nie sicher sein, nicht noch einen weiteren erstaunlichen oder skurrilen Raum oder beides zu entdecken.“
Parallele Welten
Ein paar Schritte weiter, an der Einmündung der Schützenstraße werden uns die Parallelwelten von gestern und heute nochmals auf engstem Raum vor Augen geführt.
Eine Art thematischer Querschläger ist der Frischemarkt gegenüber, der 2018 wiedereröffnet hat und von O. als unverzichtbares Zeichen der Wiederbelebung des Quartiers gewertet wird. „Ich habe gesehen, dass es hier in Höhr-Grenzhausen kein Geschäft mehr für unsere eigenen Leute gibt. Da dachte ich mir, ich gehe dieses Risiko ein“, sagt Murat Toraman und ist seitdem Einkaufszentrale für Menschen vieler Nationalitäten mit teilweise sehr speziellem, auf seine unterschiedlichen Kunden abgestimmtem, täglich frischem Angebot.
Direkt daneben, Ecke Hubertusstraße, gab es laut L. eine „kleine, sauber geführte Wicküler-Kneipe“, die von einigen der älteren Semester unter uns häufiger frequentiert worden zu sein scheint. Die spitze Ecke zwischen Schützen- und Rheinstraße hat sich für die Konditorei Serwazi mit feinsten Kuchen – „die muss man versuchen“, hieß es auf einem eigens angefertigten keramischem Emblem – um 1930 als Bermudadreieck herausgestellt. Aber direkt hinter uns – und es kommt mir fast vor, als würden wir uns noch nicht trauen, uns umzudrehen, aus Angst auch diese Kneipe könnte in einem Zeitloch verschwinden – befindet sich eine Institution: das Casino Gambrinus, Sitz der, so hieß es übereinstimmend aus mehreren Mündern, „sehr feierfreudigen Höhrer Casinogesellschaft“.
„Das Biercasino war der traditionelle Handwerkertreff. Dort wurde ab 8 Uhr der Arbeitstag eingeläutet“, erzählt T. „Wenn du einen Meister gesucht hast, hast du ihn hier auf jeden Fall gefunden“. Die Kneipe war der Aufenthaltsraum der Handwerker, und nicht nur derjenigen aus einem Betrieb. Das Feierabendbier war gezapft und wurde nicht wie heute betriebsintern im Umkleideraum aus der Pulle getrunken.
Mit dem „Biercasino“ schließt sich aber auch ein kleiner Kreis unseres Stadterkundungsgangs, denn Wirt ist heute Holger Dill, den wir schon aus der Tenne kennen. Er hat die Einrichtung übernommen, aber sein ausgewähltes Livemusikprogramm mitgebracht. Und das Casino Gambrinus geht auch mit der Zeit, selbst wenn es manchmal schwerfällt: Smoking dürfen alle tragen, wenn ihnen danach ist, aber „smoking“ ist, nachdem das Rauchen schon bei Livekonzerten seit geraumer Zeit verboten war, jetzt nicht mehr erlaubt. Und 2026 wird der Außensitz auf der Terrasse zum Ferbachtal aktiviert.
Humor und Lebendigkeit rund um diese Kultschenke lassen sich aus einer Werbeanzeige, ich vermute aus den 1930ern/40ern, erahnen, die ich in Es war einmal …, das Frieda Krebs 2008 veröffentlichte, auf dem Innenumschlag gefunden habe: „Wo gehe ich die Faschingstage hin? Selbstverständlich ins ‚Biercasino‘. Das bestbekannteste Lokal in ganz Europa und Asien nebst umliegenden Ortschaften. Dort bekomme ich ein gutes Glas Schultheis-Bier und ein vorzügliches Viertelchen. Su, nau weßt ihr et!“

Kneipenkiller
Allmählich wird deutlich, dass die Aufnahmefähigkeit bei den meisten an die Überlastungsgrenze kommt oder wenigstens mal ein Päuschen gebrauchen könnte. Doch zwei auf ihre Weise ebenfalls als „Institutionen“ zu bezeichnende Verschwundenheiten stehen noch auf dem Spaziergangsplan. Auf der anderen Straßenseite gehen wir kommentarlos an einem stillgelegten Pizza Express vorbei, der sich anhand der historischen Fotos der GSK Fotogruppe als „Zum Kamin“ (Rh29) entpuppt, wo erst Lothar Martens und dann „Lord Lummer“ Dortmunder Hansa ausschenkten und in der Wild-West-Deko eine echte Jukebox thronte.
Aber am Beispiel des Keramischen Hofs (Rh40) wird der Wandel der Begegnungskultur an solchen Orten noch mal über einen Zeitraum von über 100 Jahren vorgeführt. Hier saßen um 1910 Höhrer Männer im Sonntagsstaat und mit Pfeife bei Mainzer Aktien-Bier oder der Hausmarke Doppel-Rad vor dem Gasthof. Das Haus weist von Gesimsen bis Außenstuckverzierungen noch etliche Hinweise auf, die sein Alter bestätigen, obwohl offenbar auch ordentlich angebaut wurde, als „Tanz, Beat und Rock im Westerwald“ in den 1960ern bis Anfang der 2000er boomten. Der einstige Keramischen Hof wandelte sich zu einem weit über die Ortsgrenze hinaus bekannten Komplex aus Kneipe und Disco. „Die Leute sind aus einem Umkreis von 100 Kilometer nach Höhr-Grenzhausen angefahren gekommen.“
In der „Gass“ ersetzte ein kompletter Straßenbahnwaggon den Tresen und im hinteren Bereich „gab es einen Squash-Court. Legendär“, fährt K. fort, „waren die Erdnussabende, an denen der ganze Boden voller Erdnussschalen knirschte und knackte.“ Hinsichtlich Fußgefühl und Geräuschkulisse erinnert es mich an die Nachwehen der Beach-Party in der Tenne. Im Untergeschoss des Anbaus war die „Spitze“ untergebracht. Ein paar wagemutige Senioren unter uns, die früher noch im Blue Night das Tanzbein geschwungen hatten, erinnern sich, dass sie die Disco in ihren Vierzigern mal ausprobieren wollten, dann aber an der Furcht vor einem dauerhaften Hörsturz gescheitert sind.
W., Schiebermütze, kurzgehaltener weißer Bart und rote Trekkingjacke, spricht mich an. „Du hast ja vorhin mal die Frage in den Raum gestellt, womit das Verschwinden all dieser Gaststätten wohl zu tun haben könnte. Meines Erachtens ist der Fernseher der Killer. Damit kam der Umschwung.“ Und damit setzt er bei mir eine kleine Gedankenlawine in Gang. Denn die digitale Expansion hat ordentlich nachgelegt. Gemeinschaft findet in der Cloud statt. Oder in unüberschaubaren öffentlichen Ereignisformaten: Stadien, Shoppingmalls, Oktoberfesten statt in den drei großen K einer vergangenen Begegnungskultur: Kirche, Kino, Kneipe. Und der Kollaps der Entfernungen durch das Auto hat uns dazu gebracht, fußläufige Begegnungsstätten nicht mehr so zu schätzen wie früher.
Zum Schluss stehen wir ziemlich ratlos vor der Töpferstuben der Familie Huth (Rh37). Bei einem Großteil der Gruppe ist deutlich zu spüren, dass ihnen diese Lokalität fehlt und ihr Fehlen umso mehr schmerzt, da sie immer noch so aussieht, als könnte sie gleich morgen wieder aufmachen. Hausgemachte klassische Küche, irgendjemand wirft das unvermeidliche „so lecker wie bei Muttern“ ein. Großer Außensitz. Anfangs hieß sie Zum Vogelsang. Was könnte passender gewesen sein, als dass sich, wie P. berichtet, „mindestens einer der zehn Chöre in Höhr hier getroffen hat“. Ab 1930 Rheingold. Seit etwa 1950 Töpferstuben. Zwischen den sich zufrieden an eine gern besuchte Gaststätte erinnernden Stimmen erklingt ein etwas spöttisches „mit der besten schlechtgelauntesten Bedienung“. Vereinzeltes, zustimmendes Nicken. Warum das Aus kam? Niemand kann so richtig triftige Gründe anführen. V. erzählt, dass der Wirt in der Spätzeit immer betont habe, er sei „das letzte Restaurant in deutscher Hand“, aber, ob er damit Werbung machen oder sich über die Verhältnisse beschweren wollte, ob ihm das nun genutzt oder geschadet haben könnte, bleibt offen.
Mehr als nur drei ???
Ein Gasthaus erscheint mir nach unserer Spaziergangforschung als eine stetig im Wandel befindliche, Raum gewordene Vorstellung, aber auch als eine Art Klassiker einer Begegnungskultur, die im Lauf der Jahrzehnte an Geselligkeit, Spontanität, Gemütlichkeit, Ungezwungenheit und Gemeinsinn eingebüßt, dafür aber größere Bedeutung im Sinne eines repräsentativen Restaurantbesuchs erlangt hat. Status verdrängt das Soziale der Begegnung.
Rudi Himmerich unterstreicht bei seinem Fotobericht nochmals, dass die Höhrer es liebten zu feiern. Und, wie uns bei Spaziergang und Vortrag überdeutlich vor Augen geführt wurde, gab es dazu einladende Orte in einer bemerkenswerten Fülle direkt im Ort. Doch da sich unsere Mobilität – und wohl auch unsere Ansprüche – drastisch verändert hat, würde eine Wirtshauslandschaft wie die damalige heute zwangsläufig veröden.
Trotzdem gehen wir ja noch aus. Aber wo? Gehen wir noch in die Kneipe? In welchem Gasthaus sind wir noch Stammgast? Oder begegnen wir uns anderswo? Hat der Klebstoff „Begegnung“ aufgrund von Social Media seine Wirkung verloren? Fallen kleine lokale Kneipen ebenso wie kleine lokale Läden der Supermarktisierung unseres Lebens und „hypertypischen Landschaften der Neuzeit“ (siehe dazu den Rückblick zur 2. Spaziergangforschung) zum Opfer? Oder liegt es doch auch wieder an jeder und jedem Einzelnen, das, was uns Begegnung, Geselligkeit, Kultur und Austausch bedeuten, immer wieder neu zu denken und aktiv mitzugestalten?
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Als ich nach dieser in jeder Hinsicht überraschenden 3. Spaziergangforschung in dem erstaunlichen, von Harald Heller initiierten Interkulturellen Kalender für Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach 2026 blättere, bleibe ich bei dem Porträt des aus Kalabrien stammenden Angelo Vallana hängen. Als füge sich die beim Spaziergang fehlende Stimme eines Gastronomen nun endlich in die Vielzahl der Stimmen ein.
Er betreibt seit Jahren die Eisdiele La Ceramica. Seine Frau hat er in der Diskothek „Spitze“ kennengelernt. Von Tülin Pektas befragt, wie sich das Leben in Höhr-Grenzhausen für ihn über die Jahrzehnte verändert hat, sagt er: „Als ich 1976 kam, war die Eisdiele der Treffpunkt für die Jugend. Heute haben die jungen Leute andere Interessen. Früher war die Stadt voller Geschäfte – jetzt ist vieles verschwunden.“ Und auf die Frage, was ihn motiviert, kommt ganz der Gastwirt und seine Leidenschaft für das, was er tut, in ihm durch: „Wenn Besucher hereinkommen sind sie begeistert. Sie sagen: ‚Wie schön ist das hier!‘ Umso mehr freut es mich, dass man das Besondere dieses Ortes noch immer spürt – für mich ist das das größte Kompliment. […] Denn diesen Beruf macht man nicht nebenbei. Man opfert sein Leben dafür. Aber es lohnt sich.“
Das letzte Fundstück meines gedanklichen Nachspazierens unterstreicht noch einmal die Verbindung zwischen Gasthaus und Leben. Ich stelle mir vor, dass vielleicht nicht nur Angelo Vallana bei den Worten des persischen Dichters und Mystikers Rumi zustimmend nicken wird:
DAS GASTHAUS
Dieses Menschsein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen neue Ankömmlinge.
Freude, Schwermut oder Bosheit
ein kurzer Augenblick Besinnung
kommen unerwartet zu Besuch.
Herein mit allen und bewirte sie!
Selbst wenn es eine Horde Sorgen ist,
die wie ein Sturm durch alle Zimmer fegen
bei dem dein Hausrat aus dem Fenster fliegt,
behandle jede, jeden als deinen Ehrengast.
Vielleicht entrümpeln sie ja bloß bei dir
und machen Platz für neue Freuden.
Schwarzseherei, Schande oder Tücke
mach ihnen die Türe auf und lache
und bitte sie herein.
Sei dankbar, ganz gleich wer kommt,
denn alle hat man dir gesandt
als Wegweiser des Jenseits.
Aus: The Essential Rumi; translated by Coleman Barks; Penguin Books, London 1999; S.109 „The Guest House“. Deutsch von J. Ghebrezgiabiher.
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