2. Spaziergangforschung
Bedeutungsvolle Orte in Grenzhausen
Eine Nachbetrachtung von Jürgen Ghebrezgiabiher.
„Wo ist eigentlich dieser Grenzhäuser Flughafen?“, hatte mich L. gefragt, die ich zur zweiten Höhr-Grenzhäuser Spaziergangforschung im Rahmen des Modellvorhabens Innenstadt-Impulse einladen wollte. Ich habe ihr dann, angeregt durch die Zukunftsvisionen für unsere Stadt bei der Auftaktveranstaltung #HöhrHinaus im November 2025, von dem für 2033 geplanten Spaceport für Weltraumtouristen erzählt … die Architektur gäbe diesen Verwendungszweck sicherlich her.
Aber der Reihe nach.

Treffen zur zweiten Stadtspaziergangsforschung im Stadtteil Grenzhausen.
Am Donnerstag, den 15. Januar 2026, versammelten sich knapp 20 Menschen an der Freitreppe des Grenzhäuser Stadtparks, um von dort „grob in Richtung alter Ortskern“ mit dem Ziel „Grenzhäuser Flughafen“ zu einem Stadterkundungsgang aufzubrechen.
Während wir am Fuß der Freitreppe 15 Uhr abwarten und gelegentlich zum Park hinaufblicken, wirkt der ausladende Aufgang nackt. Wir steigen die Treppe nach oben, und P. erklärt uns die zwei noch nicht wieder mit Gras überwachsenen, anderthalb Meter großen, säuberlich gefüllten Aushubflecken. „Hier standen mal zwei richtig große Linden, und ich verstehe gar nicht, wie die so einfach entfernt werden konnten. Ich erinnere mich, dass sie schon mal gefällt werden sollten. Damals haben sich Leute an die Bäume gekettet, und die Fällaktion wurde tatsächlich gestoppt. Aber diesmal kräht kein Hahn danach, und plötzlich sind die Linden einfach weg.“ K. hakt ein, sie spielt Boule mit der Gruppe, die sich einmal wöchentlich auf der im oberen Teil gelegenen Bahn trifft. „Die hohen Bäume standen wie ein schützender Ring um den Park. Die Linden kamen mir ähnlich wichtig vor wie die beiden herrlichen Bäume, die das Tor zum alten jüdischen Friedhof einfassen.“
Ich fühle mich ein bisschen überrumpelt, denn wir sind ja außer die Treppenstufen noch keinen Schritt gegangen. Aber der Ort beschäftigt uns, und so gehen wir, kaum losspaziert, statt Strecke zu machen, heute erst mal im Stehen in die Tiefe.
Im Stadtpark

Der kleine Stadtpark
„Jetzt weiß ich nicht mehr, weil die Stadt noch da ist“, beginnt der persisch-deutsche Dichter Farhad Showghi sein Gedicht, das ich zur Einstimmung vorgelesen hatte, und eine vergleichbare Verwirrung befiel mich, als ich zur Vorbereitung des Spaziergangs immer wieder zum Stadtpark oder an ihm vorbei gegangen bin. Und dabei dachte ich an den Platz der Begegnung, wo wir uns zum ersten Stadterkundungsgang getroffen hatten. Könnte der vordere Teil des Parks vor St. Peter & Paul, der im Lauf der Jahrzehnte der Bebauung, unter anderem durch die Goethe-Schule und heute auch den Platz der Begegnung, gewichen ist, hier wieder aufgetaucht sein? Zugegeben, ein skurriler Gedanke, aber keine zweihundert Meter weiter steht eines der beiden Töpferdenkmale, die den damaligen Kirchenpark schmückten und laut Heribert Fries „1936 anläßlich der Stadtgründung aufgestellt, von einrückenden amerikanischen Soldaten 1945 weitgehend zerstört [wurden]. Nur die Henklerin blieb erhalten und steht heute vor dem Rathaus.“
Wäre die Henklerin ein Gegengewicht des Lebens zu den Ehrenmalen für die in zwei Weltkriegen Gefallenen am Stadtpark? Vor den beiden leicht zu übersehenden Shoa-Gedenkprojekten, an denen Schüler*innen aus dem Ort mitgewirkt haben, wäre irgendwie ein guter Platz, wird vorgeschlagen. „Ob da nicht womöglich sogar mal die Germania gestanden hat?“ Laut Heribert Fries stand sie jedoch beim alten Rathaus, erst im Garten hinter, dann vor der heutigen Schillerschule, dann auf der anderen Straßenseite. P. sagt, „das hat fast was von einem Wanderpokal, so oft ist die umgezogen. Und jetzt thront sie am Ortsrand am Ende des einsamen Parkplatzes des verschwundenen Restaurants Schützenhaus an der verfallenden ‚Germania’ Schiess-Sportanlage.“ Ein paar von uns kommen ins Grübeln: „Sind wir gerade einer geheimnisvollen Rochade mit für die Ortsgeschichte bedeutungsvollen Skulpturen auf die Spur gekommen?“
Doch da zum ersten Mal auch drei Hunde mitgehen, wird das Bedürfnis nach etwas Bewegung nun deutlicher spürbar. Also umrunden wir zum Aufwärmen den kleinen Stadtpark erst mal auf dem Hauptweg, wie ich es aus Spanien kenne, wo sonntags die Menschen im Gespräch vertieft auf der Plaza Mayor im Kreis spazieren gehen. Doch nach zwei Runden sind wir bereit und biegen über eine Zufahrt zur Rathausstraße ab – die auch für das Paar mit dem Kinderwagen bequemer ist als die Freitreppe.
An der viel befahrenen Straße, der Bürgersteig ist teils durch parkende Autohälften verengt, zieht sich unsere Gruppe im Gänsemarsch auseinander. Aber es ist nicht weit bis zu zwei für mich bedeutungsvoll gewordenen kleinen Bauwerken, mit denen ich den heutigen Stadterkundungsgang einläuten möchte.
Zwischen Beethoven und Händel
Ich bin im Vorfeld sicher etliche Male daran vorbeigelaufen. Aber als ich es dann bemerkt habe, war mir als hätte jemand den Ton abgeschaltet und eine große Ruhe wäre über die Einmündung der Beethoven- und Händel- in die Rathausstraße gekommen. Und das liegt an dem über Garagen- und Anbaudächern stehenden, etwa einen halben Meter großen Beschützer der Suchenden, der dort eine fast unerklärlich heitere, zuversichtliche Stimmung verbreitet.
„Da weiß man eigentlich gar nicht mehr, wie man den vorher nicht sehen konnte“, meint B. Und N. fallen die Gipsformen auf, die unter Antonius von Padua in einer Nische wie eine weitere Statue wirken. Als ich mir im Nachgang zu dieser zweiten Stadterkundung von einer Ahnung befeuert an den blinden Schaufenstern der Keramikwerkstatt Oberhoffer fast die Nase platt drücke, steht dort im verätzten Fensternebel ein zweiter Antonius neben einem die erhobenen Arme mit ausgestreckten Zeigefingern in den Himmel reckenden Buddha, sodass im Falle eines von einigen befürchteten „Anschlags auf den Verbleib dieses Ruhepols“, die Nachfolge abschreckend gut gesichert wäre.
Zu dem, was ich als „unscheinbares Bauwerk“ angekündigt habe, müssen wir eigentlich nur quer über die Straße. Und selbstverständlich ist es eine Enttäuschung. Gilt ein Pfosten noch als Bauwerk? Aber die skurrile Schönheit dieses verblüffend charaktervollen Exemplars hilft mir. Es wird inspiziert und sogar umarmt. Ein Chamäleon, das mit dem Tageslicht seine Farbe ändert, als könnte es die unterschiedlichen Stimmungen der Umgebung anzeigen. So kommt es mir vor, aber das Gute an einer solch gemischten Gruppe ist, dass sich niemand mit der eigenen Meinung sicher sein kann. Fast direkt gegenüber werden wir von N. auf den „schönsten Grenzhäuser Zaun“ hingewiesen, der vor einer zart kaligrafisch wirkenden Grenzhäuser Birke steht und den wir für N. gedanklich gleich abgebaut und mitgenommen haben.
Am Abzweig der Teplitz-Schönauer-Straße erkläre ich meine „Anstiftung“ zur Spaziergangforschung für beendet. Wir stocken für einem Moment. Wie Kraniche, die sich sortieren. Auch der von der Rathausstraße abbiegende Autoverkehr kann uns nicht richtig einschätzen, weil wir uns auf alles Mögliche nur nicht den Verkehr konzentrieren. Aber dann schiebt es uns kollektiv-intuitiv von der Kreuzung des tschechischen Kurorts zum ligurischen Dorfplatz im alten Grenzhausen weiter.

Auf der Rathausstraße Richtung Laigueglia-Platz
Leerstelle
Ecke Höhenstraße fällt uns ein noch gar nicht so alter Parkplatz auf. Gegenüber an der Schiller-Schule gibt es schon einen. Aber dieser wirkt wie eine Zahnlücke in sonst noch alter Bebauung. K. weiß zu berichten: „Hier und die Höhenstraße hinauf standen früher mal Werksgebäude von Steuler leer. Anfang, Mitte der 2000er organisierte sich Widerstand dagegen. Der Mangel an Werkstatt- und Ausstellungsräumen ist ja ein ewiges Thema. Das Engagement für den Erhalt in Keramikkreisen war enorm. Doch kurz nach der daraus entstandenen Serie von Ausstellungen, unter anderem der Absolventen am Institut mit dem damaligen künstlerischen Leiter Jochen Brandt und einer Fotoausstellung, wurden die Gebäude abgerissen.“
K. bringt mir ein paar Tage später alte Dias von den Steuler-Werksgebäuden vorbei. Allein die zweiseitige, mindestens zwölfstufige Außentreppe. Wo gibt es so was noch? (In Grenzau habe ich eine ähnliche an einem leerstehenden Haus entdeckt.) Und dann bleibt mir bei einem Foto glatt die Spucke weg: Die Ampel an der Höhenstraße steht auf Grün, eine Satellitenschüssel hängt wie ein Ohr an einer Außenmauer, davor führt eine großzügige Freitreppe zum eigentlichen Werk und daneben steht sie: die Germania – auf der „anderen Straßenseite“. Und ist das wegen der Abendsonne oder Filmalterung, dass sie fast golden glänzt?
Wie wirkt sich eine Parkmulde auf ihre Umgebung aus? Und wird das Thema Leerstand, das uns beim ersten Gang in Höhr begleitet hat, hier womöglich durch das Thema Leerstelle ersetzt? Aber wir sind ja noch kaum 500 Meter durch Grenzhausen spaziert. Also erst mal weiterschauen.
Ein Ruf – „Links rein, das ist meine Lieblingsgasse!“ – dirigiert uns kurz darauf in die schmalen, krummen, etwas dunkleren Windungen der Kirchstraße, wo von fließendem Verkehr keine Rede sein kann, wo uns eine Bepflanzung oder artfremde Nutzung der zum Parken notdürftig mit reinquetschenden Autos nicht wundern würde, wo Katzen auf Mülltonnendeckeln lauern, und wo wir, wenn wir uns nicht zurückhalten, von der Gasse direkt in die Wohnzimmer blicken können. Wir fühlen uns wohl, ungefährdet, in Plauder- und Entdecker*innenlaune. Wir schlendern nur noch, als wären wir fast zu Hause.
Unterwegs in der Kirchstraße

Im Paradies
Am Ende wird die Kirchstraße zum Flaschenhals. Wir stauen uns vor einem von Holzskulpturen umringten Haus. M. klärt uns auf: „Simone Levy ist mit ihrem Gesang und der Bildhauerei in der Welt zu Hause.“ „Aber sie wohnt hier“, murmelt jemand. Das gilt für etliche ortsansässige Kreative. Sie sind hier seit Jahren, Jahrzehnten zu Hause, aber bringen „aus der Welt“ immer wieder etwas mit … vielleicht auch ein Grund, warum sich Höhr-Grenzhausen für Zugezogene wie mich so überraschend weltoffen anfühlt.
Die kurze enge Passage aus den gemütlichen Gassen hinauf zum Gemeindehaus lässt den dazugehörigen Platz an der evangelischen Kirche noch großzügiger erscheinen. Außerdem erfahren wir zur Überraschung für einige, dass die Küsterin mitten unter uns ist. Während sie uns von der Entstehung des Gemeindehauses erzählt, nehmen wir den unverstellten Blick übers Ferbachtal, die wohltuende Gebäudelücke des Platzes wie die ebenso wohltuende Umbauung durch Kirche und alte Gebäude in uns auf. „Dort standen mal zwei kleine Häuser. Das Architekturbüro hat deren Ausdehnung und Dimension bei der Neuplanung aufgegriffen und so blieb diese herrliche Freifläche erhalten – ein kleines Paradies.“
Mir fällt dazu ein Begriff ein, den der dänische Stadtplaner Jan Gehl in den 1960er Jahren geprägt hat: das menschliche Maß. H. hingegen erinnert uns daran, dass „Im Paradies“ eine geläufige Ortsbezeichnung in Grenzhausen sei, „und das ist da drüben“. Das wollen wir natürlich sehen und folgen ihm am Hang entlang zur Brüstung vor dem Haupteingang der Kirche. Wie von einem Balkon blicken wir in einen länglichen Hof. Aus dem mittleren der fünf Gebäude, die ihn zum Tal hin begrenzen, scheint die Bewohntheit verschwunden, und H. sieht unsere Frage offenbar voraus: „Dort hat der Starczewski, der auch die Pyramide Im Silbertal gebaut hat, gewohnt und im großen Stil gependelt.“
Während wir das Paradies betrachten, schwingt der Nachname von Hanns-Joachim-Wilhelm-Johannes wie eine Art spirituelle Markenbezeichnung über diesem Ort. Und wir würden jetzt alle verdammt gern die Pendelvorrichtung sehen, von der H. erzählt, dass sie der jetzige Nutzer der Räume wohl unangetastet gelassen hat.
Eines aber lässt einigen von uns keine Ruhe: Für ein Paradies ist das hier recht klein. Aber da springt uns Heribert Fries im Kapitel „In den Straßen des alten Grenzhausen“ mal wieder hilfreich zur Seite, denn für ihn besteht das Paradies aus dem oder zumindest einem größeren Teil des alten Ortskerns, wo „viele alte Häuser ineinandergeschachtelt“ sind.
Auf der ungeraden Hausnummernseite kurz unterhalb der Thewalt’schen Brache stehen sie, begutachten das fast ein bisschen schamvoll weit ins Grundstück eingerückte Tiny House und debattieren. Ts. Mutter stoßen sofort die vielen Treppenstufen zum am Hang gebauten Minidomizil auf: „Da tut man sich schwer, wenn man alt ist.“ Aber auch die Pflege des doch ziemlich großen Vorgartens wird infrage gestellt. Trotzdem sind sich alle ein bisschen einig, dass in Bezug aufs Alter und Wohnraum kleiner und überschaubarer gleich sinnvoller gleich praktikabler ist.
Die Mitte finden
Grenzhausen hat sein eindeutiges Zentrum im Umkreis der Kirche. Hier nehmen wir unseren Spaziergang auf, gehen durch die Kirchstraße, dann die Rathausstraße abwärts bis zur alten Ortsgrenze, biegen nach links in die Westerwaldstraße ein und werfen von dort einen Blick in die Parkstraße. Auf dem Rückweg zum Zentrum machen wir einen Abstecher in die Händelstraße und biegen schließlich in die Höhenstraße ein. Wieder im Zentrum beginnend, wandern wir durch die Hermann-Geisen-Straße, die Seiferwiese, die Luisenstraße und die Kasinostraße bis zur Lindenstraße und werfen einen Blick zur Georg-Steuler-Siedlung. Den Abschluß bildet dann eine der ältesten und eigenartigsten Straßen: die Brunnenstraße.
Wir sind nicht ganz so emsig auf den Beinen wie Heribert Fries. Unsere Spaziergangserkundung ist, seitdem wir uns im alten Ortskern befinden, zu einer Art Stehübungsprozession geworden. Aber Fries‘ Umkreisen des Ortsmittelpunkts hat definitiv einen leichten Anklang von Déjà-vu, während wir auf dem Erdzeitalterpfad an der Nordflanke der Kirche das Umfeld auf uns wirken lassen.
A. weiß zu berichten, dass die Kirmes von dem Platz, der früher die Einmündung der Luisen- auf die Hermann-Geisen-Straße noch weitete, zur Kirche umgezogen war. Ein paar Tage später zeigt mir die Küsterin ein Foto vom belebten Kirchplatz mit Karussell und Buden in der Sakristei. Eine schöne Vorstellung, während wir auf den Teil des Laigueglia-Platzes blicken, der einen großen Backsteinbau der alten Merkelbach Manufaktur ersetzt hat und das Herz Grenzhausens zu einem Ort der Begegnung aufwerten soll.
Aber warum hören wir dieses Herz nicht stärker schlagen? Warum wirkt der Platz, als müsste er beatmet werden? Drumherum ist alles da, was zu einem Ortsmittelpunkt – auch ohne Dorffeierlichkeiten – gehören könnte: die Kirche, das Café Libre, der Bioladen, das indische Restaurant, eine kleine Galerie, ein Kosmetikladen, die Ateliers der Keramikgemeinschaft in der Brunnenstraße und das Museum für Stadtgeschichte.
In der Hermann-Geisen-Straße, der logischen Verlängerung des Platzes, „gab es früher einen Bäcker, Metzger, einen Haushalts- und Eisenwarenladen, eine Schirmfabrik, ein Schuhlager, einen Vieh- und Schafhändler“, berichtet der Ortsgeschichte-Sammler Detlef Heuser. Und kurz vor der pandemischen Ohrfeige für die Weltgemeinschaft lebte die ungebrochene unternehmerische Energie in Form von „Fundstücke – Altes neu entdeckt“, eines Metzgerei-Bistros namens Tafelglück und mit Freestyle für die Haare wieder auf. Doch die verbleibenden „Anlieger“ ums Grenzhäuser Herz wirken zeitweise verschlossen wie Austern.
Allen ist kalt. P. ist verschwunden. Der Wetterdienst hatte nach Sturmtief Elli und Eisregenalarm zweistellig frühlingshaft Klingendes angekündigt, aber P. kommt in seinen wadenlangen Wintermantel gehüllt zurück, den er kurz aus der Werkstatt holen gegangen ist. Ein paar neidvolle Blicke streifen ihn, während er womöglich auf dem Trampelpfad, an den sich N. zu erinnern glaubt, am nicht mehr existierenden alten Backsteinbau der Merkelbach Manufaktur entlanggehend wieder zu uns stößt.
N. erzählt: „Man konnte durch diese riesige Fabrik laufen, ohne jemals nach draußen zu müssen. Da war alles miteinander verbunden.“ Zwei Tage später bestätigt J. das, der bei Merkelbach gelernt hat, als wir uns zufällig am „Flughafen“ treffen. Aber N. berichtet auch von alten Gewölben und Gängen unter dem alten Ortskern und – haben wir das richtig gehört – „unter der ganzen Brunnenstraße“?
Es macht Spaß, die Blicke so über den Platz und das Drumherum schweifen zu lassen, während wir uns Fragen stellen und Geschichten erzählen, „herumwerweißen“ drückt es vielleicht ganz gut aus. Ein klein wenig beunruhigend wirken zwei mysteriöse nichtssagende Brandschutztüren an der Schmalseite des langen, weiß getünchten, schulähnlichen Gebäudes, das in seiner Breite den Laigueglia-Parkplatz begrenzt. Ich weiß nicht, ob es den anderen auch so geht, aber ich starre diese zwei stählernen Pforten der Wahrnehmung an, und dann schlüpft mir raus: „Mir kommt dieser ganze, jetzt fast komplett ungenutzte Merkelbach-Gebäudehaufen vor wie ein schwarzes Loch.“
Wie wirkt sich die Nutzung – oder ihr Gegenteil – von Gebäuden auf die Umgebungsatmosphäre aus? Was bedeutet ein Aufzug (graue Stahltür), der inklusive Mobilität am Laigueglia-Platz sicherstellen könnte, aber weder kenntlich ausgewiesen ist, noch Vertrauen in seine Funktionstüchtig einflößt? Oder ein „Museum für Stadtgeschichte“ (beige Brandschutztür) mit geschwärzten Öffnungszeiten und einem vom Aufzug kaum zu unterscheidenden Eingang? Wie erklären sich solche rätselhaften Gebäude-Cluster, die über ihre geduckte, dunkle Energie ihr aktives Umfeld bedrücken?
Fast ein bisschen angeeist fühlen sich unsere Unterarme an, als sie sich vom Geländer lösen. Wir blicken uns um. Wo sind die anderen hin? Vom Ende des Parkplatzes winken sie uns zu, stehen vor einem Bilderbuchscheunentor und deuten nach links, wo von unserer Warte aus eigentlich nur Gebäude stehen. Könnte da ein Trampelpfad zur Brunnenstraße sein? Als wir aufschließen, kommen die meisten schon wieder aus der Lücke zwischen den Häusern zurück. Nur die kamerabewehrten Augen geben nicht so schnell auf, denn es geht ja nicht nur um den Weg, sondern auch um Motive.
Hinter den Kulissen

Leerstellenerweiterung
Trotzdem ist in einen Teil der Gruppe Bewegung gekommen. Kaum haben wir Nachzügelnden das Tor erreicht, sind sie schon weitergezogen. Wir steigen die Treppe zur Straße nach oben. Es dämmert. Im Bioladen geht das Licht an. Wir sehen uns um. Richtung Schiller-Schule ist niemand zu sehen. Der Bus kommt die Hermann-Geisen-Straße entlang. Wir sehen gerade noch, wie zwei, drei von uns in einer Einfahrt verschwinden. Was machen die? Aber es ist auch egal, denn nun bestimmt den Spaziergang definitiv wieder der Schwarm. Zum „Flughafen“ will eh niemand mehr. Also beeilen wir uns aufzuschließen.
Wir fühlen uns ein wenig unwohl, während wir eilig auf den von drei offensichtlich bewohnten Häusern eingerahmten Hof einbiegen und gerade noch mitbekommen, wie die anderen links verschwinden. Als wir um die Ecke biegen, trauen wir unseren Augen nicht: Noch ein Hof, unter Efeu, Wetter und Alter verwitternde Gebäude, rechts noch ein Hof, etliche Lagen vermodertes Laub, wir rutschen alle ein bisschen herum, auf ein Wirtschaftsgebäude mit Mauerkaries zu, Fenster stehen fast frei schwebend in der Luft, graue Himmelsflecken ersetzen das in sich zusammenfallende Dach, und dann öffnet sich der schmale, zwischen diesen Ruinen entlangführende Gang, und wir stehen in einem vergessenen Garten.
Als hätten wir ein Versteck gefunden, einen Ort, der nur uns gehört, ein verschwiegenes Plätzchen. Und erstaunlich groß, obwohl der Garten von der Brunnen- und der Hermann-Geisen-Straße kaum auszumachen ist. Beglückendes Niemandsland. Eine der Grün- und Stadtplanung entkommene Brache. Etwas, das wir – in Gedanken jedenfalls – beleben können und beleben wollen: „Lass uns mal Wein trinken hier.“ „Hollywoodschaukel.“ „Ich back ‘nen Kuchen, du bringst den Kaffee, und dann machen wir hier mal ein bisschen sauber.“ „Da hat doch eh schon jemand gegraben und was gepflanzt.“ „Wem gehört das eigentlich?“
Im Grunde stehen wir in der Gartenerweiterung der beachtlichen Gebäudeleerstelle am Laigueglia-Platz, der wir nun auf den geduckten Rücken blicken. Mir fällt mal wieder der Promenadologe Lucius Burckhardt ein:
Niemandsland, das ist das Land, wo der Schorsch seine selbstgebastelte Rakete zündete und wo die Anne ihren ersten Kuß bekam. Niemandsland gibt es nicht, wenigstens nicht in einer anständig geplanten Stadt. Niemandsland ist ein Produkt der Planung: ohne Planung kein Niemandsland. Aber wenn die Planer merken, daß sie das Niemandsland geplant haben, ist es vorbei mit dem Niemandsland. – Dann wird schon der Name geändert: Es heißt dann dysfunktionale Flächen.
Für den Moment allerdings wusste niemand von uns so richtig zu entscheiden, ob dieser vergessene Garten unter die Kategorie fahrlässige Nichtnutzung oder unerwarteter Freiraum einzuordnen war. Aber ich glaube, die meisten tendierten zu einem Gefühl wie Schorsch und Anne.
Als wir aus dem Hinterhoflabyrinth wieder auf die Hermann-Geisen-Straße treten, ist es schon dunkel. Die meisten reiben sich nicht nur verwundert die Augen, sondern sind mittlerweile auch durchgefroren. Und obwohl vor meinem geistigen Auge Heribert Fries an der Luisenstraße steht und bergauf zeigt, lenkt uns K. mit einer einfachen Frage in eine andere Richtung: „Was haltet ihr von einem Kaffee?“ Und so biegen wir, ohne zu zögern, ab, schlendern dann aber doch in Superzeitlupe die Brunnenstraße entlang und sitzen erst zehn Minuten später im Café Libre.
Drei Tage später lässt mir die potenzielle Spaziergangsfortsetzung mit Heribert Fries aber doch keine Ruhe. Ich schlage einen kleinen Bogen, um bei Antonius und dem Party-Buddha zu starten, als würde ich von der alten Ortsgrenze aus auf den Ortskern zuspazieren.

Café Libre
Starenkästen am Cargo-Runway
Aber diesmal ist natürlich alles ganz anders. Ich bin ungeduldig und marschiere auf der Rathausstraße schnurstracks Richtung Laiguelia-Platz. Ich höre einen imaginären Podcast, Gesprächsfetzen, Erinnerungen an Erzähltes bei unserer Stadterkundung. Ein Nachhall, der mit jedem Schritt anschwillt, mich weitertreibt, vorbei an der Kirche, bis ich in der Hermann-Geisen-Straße an der Abzweigung stehe, die wir am Donnerstag nicht mehr genommen haben. Erst da hört das Stimmengeläut in meinem Kopf auf. Ich zögere nicht. Gehe bergauf. Als ich auf der Kuppe ankomme, scheint das Licht sich auf einem Gebäude zu sammeln.
Eigentlich müsste die Luisenstraße Kasinostraße heißen, denn sie und das Kasino gehören untrennbar zusammen, das wird sofort klar. Aber trotz der verheißungsvollen Sichtachse führt die Luisenstraße auf eine sich mit schwindender Energie anfüllende Leerstelle zu, die umso schmerzhafter wirkt, als die Zeichen von Aktivität und Leben noch deutlich sichtbar sind.
Wie Heribert Fries gehe ich dann „bis zur Lindenstraße“ und versuche, „einen Blick zur Georg-Steuler-Siedlung“ zu werfen. Steuler baute laut eigener Unternehmensgeschichte schon 1922 „die ersten Werkswohnungen auf dem Firmengelände“. Doch die Siedlung, von der Fries spricht, gehört zur Geschichte von Verschwinden und Erneuerung.
Ich weiß, dass ich mich auf der Lindenstraße jetzt nur umzudrehen brauche, um das ursprünglich von mir ausgegebene Ziel des zweiten Stadterkundungsgangs zu sehen. Und ich frage mich, wie sich das wohl anfühlen mag, wenn ich den „Grenzhäuser Flughafen“ schlussendlich doch noch erreiche?
Architektonisch gehören die Westerwald Arkaden zur Autobahn. Raststätte oder Terminal. Lucius Burckhardt nennt so etwas eine „hypertypische Landschaft der Neuzeit“ und unterscheidet drei Formen: „den Supermarkt, den Themenpark oder Disneyland und die denkmalgepflegte Altstadt“. Zwei alte Villen stehen trotzig in dieser „hypertypischen Landschaft“, deren Shopping-Oval aufgrund dessen in diesem Abschnitt architektonisch nicht geschlossen werden konnte.
Die Auffahrten zu den Arkaden sind großzügig ausgebaut. Zufußgehende müssen Zugänge jedoch an den Zufahrten erst suchen. Ist die Shoppingmall als Auftakt zu einer Rothenburgisierung der Altstadt gedacht? Sollen die tatsächlichen Kapazitäten dieser Anlage mit ihren XXL-Restaurants perspektivisch genutzt werden, indem Durchreisende im Fernverkehr mit Ortsansässigen auf Shoppingtour in einem einzigartigen Pilotprojekt das „Open-Sky-Einkaufsraststätte“ zusammengebracht werden?
Ganz schön weit hergeholte Gedanken. Aber die Leerstelle im Innenhof des Ovals ist nicht zu übersehen. Parkende Autos wirken wir Spiralnebelarme um dunkle Materie: „Das Ganztagesrestaurant verfügt über 280 Plätze, 120 davon auf einer Terrasse rund um den neu angelegten See [sic] mit zehn Meter hoher Fontäne.“ Doch nach nicht einmal anderthalb Jahren hieß es Ciao „Café Food Drinks Fun“, wie es der italienische Gastronom angekündigt hatte. Die moderne Funktionslandschaft scheint von einem Altstadtphänomen infiziert.
An diesem Sonntag aber wirkt alles leer, fast unheimlich, wenn ich nicht im verlassenen Ristorante das überlebensgroße Porträt eines Papageis entdeckt hätte. Ich irre ziellos übers Gelände. Lasse mich von einem dunklen Zwischengang verlocken, nach dem Licht am anderen Ende des Tunnels zu sehen. Und dort mache ich eine Entdeckung, die ich meiner so erkundungsfreudigen Spaziergruppe im Nachhinein doch gern gezeigt hätte: Direkt neben einem Lüfter, im Schallschatten der A48, in der Anfahrt zu den Laderampen des Einkaufszentrums, da hängen sie. Zwei Starenkästen. Dunkles Pink. Vielleicht um lärmgestresste Vögel zur Flucht in die Einfluglöcher zu verleiten? Oder doch nur Attrappen? Ein Lippenbekenntnis zu Umweltschutzauflagen?
Als ich – diesen Nachgang wie die ursprüngliche Stadterkundung abschließend – im Café Libre in der Brunnenstraße vor meinem Cappuccino sitze, wird mir aber noch eine Überraschung beschert, die den Kreis dieser zweiten Spaziergangforschung schließt. L., die bei unserem Stadtspaziergang fehlte, da sie arbeiten musste, möchte wissen, wie es gelaufen ist, und hat wahrscheinlich nicht damit gerechnet, eine so lange Antwort zu bekommen. Nach einer Dreiviertelstunde bin ich gerade dabei ihr von dem vergessenen Garten und unserer kindlichen Freude an dieser Brache zu berichten, und erwähne auch, dass wir dort schon Anfänge einer Nutzung gefunden haben. Da lacht sie mich an und verrät mir, dass sie dort gelegentlich ein bisschen umgegraben und gepflanzt hat … Hammer!
Auch interessant:
Bürgerdialog Zukunftswerkstatt
Samstag, 28. Februar | 11:00 Uhr | Zweite Heimat…
Zweite Dialogrunde zu den Zukunftswerkstätten
Weitere Ideensammlung
Höhr Lacht
Ein Projekt des Fotografen Helge Articus
















