6. Spaziergang­forschung Höhr-Grenzhausen

Spaziergang im Juni 2026: Höhr-Grenzhausen – Wochenmarkt

Worum geht’s?

Über einen schönen Wochenmarkt zu schlendern, ist herrlich. Aber funktionieren herrliche Wochenmärkte überall? 

In Höhr-Grenzhausen sind bislang alle Versuche – und es gab mehrere – gescheitert. Woran könnte das liegen? Welche Voraussetzungen müssen eigentlich erfüllt sein, damit ein Wochenmarkt auf lange Sicht gelingt? So dass die Verkaufenden wiederkommen wollen. Und wir, die Kaufenden, dann auch wirklich hingehen. 

Unser Stadterkundungsgang soll dazu beitragen, das Thema Wochenmarkt besser verstehen, besser einordnen zu können. Wir schauen uns erst mal ganz in Ruhe Standorte an. Es gab ja schon einige, und vielleicht gibt es welche, die das Zeug dazu hätten. Dabei interessiert uns ganz besonders, was das denn bedeutet: „das Zeug dazu zu haben“.

Eine Nachbetrachtung von Jürgen Ghebrezgiabiher

Vorgeschichte

„Ich sag dir gleich, das erste Megaproblem sind die Parkplätze. Wenn der Wochenmarkt auf dem Töpferplatz stattfindet, sind die Parkplätze dort weg. Wo sollen die Leute dann parken? Selbst wenn sie gern zum Wochenmarkt gegangen wären, schreckt sie allein der Gedanke an das Chaos bei der Parkplatzsuche schon ab.“ 

Das war die spontane Reaktion von Ralf Sturm, als ich ihm von dem bevorstehenden Stadterkundungsgang erzählte. Die Besonderheit seiner Aussage liegt für mich darin, dass er mit Elan, Enthusiasmus und freundlicher Eigenwilligkeit den Naturkostladen Kornecke in Grenzhausen führt und mobilitätstechnisch höchstwahrscheinlich mehr Nachhaltigkeit befürwortet, als Geschäftsmann und mitdenkender Mensch aber die Realität nicht einfach ausblendet.

Im Grund war das jedoch nur der Anfang für einen Wust von Fragen, die ich mir mit Blick auf die Durchführbarkeit eines Wochenmarkts zu stellen begann: Ist die Stellfläche, die Zufahrt überhaupt geeignet? Gibt es Schatten? Strom? Toiletten? Cafés oder Bars in der Nähe? Andere Läden, die vom Publikum eines Wochenmarkts ebenfalls profitieren könnten? Gibt es landwirtschaftliche Betriebe im Umland, die an einer solchen Direktvermarktung interessiert sind? Wünschen sich die Menschen in Höhr-Grenzhausen überhaupt einen Wochenmarkt oder sind sie im Grunde mit der hypertypischen Shoppinglandschaft am Grenzhäuser „Flughafen“ zufrieden?

Zu all den Fragen gesellte sich dann noch die eine: Ob das nicht die Möglichkeiten eines Stadtspaziergangs übersteigt? Aber es kann ja nicht schaden, mal vor Ort und an der frischen Luft sich selbst und anderen diese Fragen zu stellen … so oder so ähnlich versuchte ich, mich zu beruhigen.

Der Vorplatz der St. Peter und Paul Kirche

Start auf dem Vorplatz der St. Peter und Paul Kirche

Am Montag, den 15. Juni, versammelten sich im Rahmen des Modellvorhabens Stadt Idee Wirkung dreizehn Menschen zu diesem Stadterkundungsgang vor der katholischen Kirche in Höhr … und da ist gleich die nächste Frage natürlich berechtigt: Warum treffen wir uns eigentlich an der Kirche?

Vorplatz St. Peter und Paul

Mich hatte etwas dorthin gelockt, denn etwas Besonderes verband Kirchen mit unserem Thema Wochenmarkt. Und das lag nicht daran, dass die großen Vorhallen, vielerorts auch „Paradies“ genannt, häufig mit der Geschichte des Sündenfalls ausgemalt waren und die Gläubigen beim Betreten der Kirche einerseits an die Vertreibung aus dem Paradies erinnerten, zugleich aber auch an die Verheißung der kommenden Erlösung im Himmelreich. Stattdessen war mir wieder eingefallen, dass die Vorhallen und teilweise auch die Kirchenschiffe selbst in der Frühzeit des Mittelalters als überdachte Verkaufsflächen genutzt worden waren, besonders bei schlechtem Wetter oder für den Handel mit kostbaren Gütern. Ich kam mir etwas ketzerisch vor, eine solch profane Nutzung des Kirchenraums ins Spiel zu bringen, war aber gleichzeitig auch begeistert davon, dass dort neben dem Glauben auch das alltägliche Leben sowohl Raum als auch Schutz und Segen findet.

Als ich dann in der Vorbereitung mal wieder auf St. Peter und Paul zuspazierte, hat mich der auf diesen begrünten Vorplatz und Parkplatz zusammengeschrumpfte Park angelacht: „Wäre doch echt schön, wenn hier ein Wochenmarkt stattfinden würde, oder nicht?“ Aber wozu sind wir eine Gruppe, wenn nicht um eine derartige Spontanidee ausgiebig von vielen Seiten zu betrachten.

Eines ist allen sofort klar: Dieser gesegnete Vorplatz hat einen in Zeiten der Klimaerwärmung immer wichtiger werdenden Pluspunkt, und das ist wohltuender Schatten. H. identifiziert angesichts der beeindruckend ausladenden Kronen nach kurzer Suche im Internet sogar ursprünglichen Baumbestand aus himmlischen Parkzeiten. „Und was für ein schöner Blick auf Höhr und die Hänge“, entfährt es S., als wir im Parkplatzbereich einen Kreis bilden.

Blick auf ein altes Bild aus Höhr-Grenzhausen

Schnell kommen ganz praktische Überlegungen zur Sprache: „Genug Platz für einen kleinen feinen Wochenmarkt ist hier auf jeden Fall“, sagt U. „Betonung auf ‚fein’“, betont M. Die Tageszeit ist wichtig. Eigentlich eher nachmittags, „dann sind die Leute entspannter, haben mehr Zeit für ein Schwätzchen“. Kleine feine (schon wieder!) Speisen und Getränke vor Ort, die einladen etwas länger zu verweilen als nur zum Einkauf. Schnell wird auch deutlich, dass ein einfacher Gemüsestand oder die üblichen Backwaren nicht ausreichen, um die Menschen zum Wiederkommen zu animieren.

„Ich weiß nicht, wie es euch geht“, versuche ich, meine eigenen genussvollen Erinnerungen zu beschreiben, „aber in Großstädten habe ich oft unglaublich tolle Wochenmärkte entdeckt. Und natürlich in Frankreich, wo sich auch in kleineren Ortschaften ganze Straßenzüge in ein Schlaraffenland verwandeln mit lokalem, erntefrischem Gemüse, Käse und Würsten direkt aus dem Ort oder aus dem nächsten oder dem übernächsten, paradiesischen Früchten, regional auch aus dem Meer, verlockend duftenden Backwaren, die sich wie Bindestriche durch das Geschehen ziehen, und Streetfood in einer Vielfalt und Qualität, dass ich mich kaum entscheiden konnte, womit ich anfange. Und zum Schluss fand sich immer ein Ort, an dem ich bei einem Kaffee oder Glas Rosé dem Treiben einfach nur noch zugeschaut hab.“

Und es geht Schlag auf Schlag weiter: „Wenn du bei Leuten kaufst, die ihre eigenen Produkte anbieten, dann stehen die auch hinter dem, was sie dir verkaufen.“ „Man merkt ganz oft mit wie viel Liebe das gemacht ist.“ „Beim Koblenzer Frühlingsmarkt haben sie Holzofenbrot live gebacken. Hab ich sofort eins mitgenommen.“ „Ich stand plötzlich vor einem Stand, da gab’s nur Käsekuchen. Aber was für Käsekuchen! In allen Variationen. Müsst ihr mal probieren.“ „Die Qualität muss rausstechen.“ „Wie beim Fußball, aber statt Unterschiedsspieler ‚Unterschiedsprodukt‘.“

Und dann kommt die Sache mit dem „Team mit Herzblut“ in Ehrenbreitstein. Laut S. „gehört die Marktleiterin auch zur Keramikszene, und die könnte und müsste eigentlich mal befragt werden“. Gleich wird deutlich, dass den Markt fast alle kennen. „Supergemütlich. Da kannst du ganz in Ruhe mittendrin dein Glas Wein trinken.“ „Feierabend machen und noch leckere Sachen mit nach Hause nehmen.“

E., die lange zugehört hat, kommt zurück auf das Gedicht des aus Siebenbürgen stammenden Franz Hodjak, das ich anfangs vorgelesen hatte. „Nichts für Träumer“ lautet der Titel poetisch-provokativ:

Ich gehe auf
den Wochenmarkt, nur um etwas mehr
Durcheinander zu erleben, mehr Sprachen zu
hören, mehr Glück zu sehen.

„Ich bin diesbezüglich tatsächlich eher Träumerin. Eigentlich brauche ich keinen Wochenmarkt. Das Angebot an Lebensmitteln in den verfügbaren Läden reicht mir völlig aus. Aber nach Ehrenbreitstein auf den Kapuzinerplatz gehe ich trotzdem gern zu den Marktzeiten. Ich kenne und schätze die Betreiber das Cafés dort. Ich kann draußen sitzen und einfach nur zuschauen. Ein tolles Gefühl, für eine Weile nichts wollen zu müssen.“

Die Anmerkung für die Lesenden sei mir erlaubt: Mal wieder sind wir noch keinen Schritt spazieren gegangen, aber schon mitten drin im Thema.

Töpferplatz

Wochenmärkte leben vor allem davon, dass die Menschen aus der Region das Konzept aktiv unterstützen und wertschätzen. Sie funktionieren nur durch den direkten Kontakt zwischen Erzeugern und Kunden, durch faire Preise trotz höherer Qualität und den Mehrwert als sozialer Treffpunkt.

Ich war erstaunt, was mir eine Suchmaschinen-KI da bei meiner Recherche ungefragt ausgespuckt hatte. Und dieses nüchterne „Mehrwert als sozialer Treffpunkt“ scheint mir recht nah an der Bemerkung von E. angesiedelt, denn wenn wir von Wochenmarkt träumen, träumen wir – vermute ich – von einer Art wiederholbarem Kurzurlaub vom alltäglich interaktionslosen Selbstbedienungseinkaufen. An einem Ort, an dem sich zum praktischen Nutzen ausgewählter, leckerer Lebensmittel von Menschen, die sie auch produzieren und fair vermarkten, ein verschwenderisch unverwertbarer Vorgang der Begegnung und des genießerischen Innehaltens gesellt.

Eben wie beim Feierabendmarkt in Ehrenbreitstein. Trotzdem er nur auf drei Stunden – von 16 bis 19 Uhr – angesetzt ist, nehmen sich die Leute Zeit, nutzen das Angebot an Sitzmöglichkeiten auf dem Kapuzinerplatz ausgiebig, läuten den Ausklang des Tages ein, essen unter Umständen sogar ihr Abendbrot hier. Die Beschicker sind allesamt Produzenten und Direktvermarkter ihrer Produkte. Und sie kommen seit Jahren, manche wöchentlich, andere alle zwei Wochen. Solche und andere Gedanken gehen uns durch den Kopf, während wir zum Töpferplatz hinunterspazieren.

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„Leider wurde der Wochenmarkt am 12. Mai 2023 nach 5 Jahren eingestellt“, heißt es auf der Homepage von Pro-Höhr-Grenzhausen – Gewerbe engagiert sich. Seit dem 27. April 2018 herrschte „jeden Freitag buntes Treiben auf dem Töpferplatz mitten im Herzen von Höhr-Grenzhausen“. Ein Feierabendmarkt von 15 bis 18 Uhr. „Die anfänglich fehlenden Stände wurden ‚aufgetrieben‘. So gibt es inzwischen einen kleinen Weinstand, ab Mitte Mai einen Käsestand und auch ein Bäcker gehört seit der zweiten Ausgabe mit zum Angebot. Produktlücken sollen noch geschlossen werden. Stadtbürgermeister Michael Thiesen sagt: ‚Die Menschen müssen das Angebot regelmäßig nutzen, denn nur so wird sich dieser wunderbare Markt auf Dauer etablieren‘.“

„Doch dann zog der Wochenmarkt um!“, fährt Pro-Höhr-Grenzhausen fort, und so wird es auch in unserem Kreis, der sich wie selbstverständlich auf dem Töpferplatz wieder zum Gespräch gebildet hat, berichtet. Es leuchtet uns nicht ganz ein, warum dieser Umzug stattfand. Unsere Zeitzeugin in ihrem Elektrorollstuhl fand die Atmosphäre am Töpferplatz „kuschlig“ und kam gerne her. Die Schätzungen, wie lang sich der Wochenmarkt auf dem Töpferplatz hielt, gehen auseinander. „Ein paar Jahre hat er schon durchgehalten“, meint T. „Vielleicht hat ihm die nicht ganz einfache Parkplatzsituation den Garaus gemacht“, meldet M. an. So hatte es auch Ralf Sturm formuliert.

„Aber jetzt gibt es ja das neue Café und der Alexanderplatz ist auch nicht weit weg“, wirft L. ein. „Vielleicht könnte man auch ein Café oder eine kleine Bar im Kannenofen anbieten. Da hättest du einen schönen Blick auf den Markt, wie auf einer Terrasse“, schlägt A. vor. „Jetzt muss ich mal sagen“, meldet sich J., „dass ich eigentlich nie auf Wochenmärkte gehe. Wenn ich was kochen will, überlege ich mir was, und dann kaufe ich kurzentschlossen ein.“ Wir haben zum Glück dieses Mal, trotzdem die Gruppe klein ist, drei unter 30-Jährige dabei. Ein Geschenk! Denn natürlich müssen Wochenmarkt-Träume auch das sich wandelnde Kaufverhalten jüngerer Generationen miteinbeziehen. „Mir ist so eine wöchentliche Einkaufsplanung einfach zu umständlich“, fährt J. fort. „Für mich sind Märkte interessanter, wenn etwas Besonderes geboten wird.“

„Vielleicht“, setzt P. an, „muss es ja auch gar kein wöchentlicher Markt sein. Wie wäre es mit einem Spezialmarkt, der einmal im Monat stattfindet? Dann aber auch Dinge anbietet, die es eben nicht oder nicht in der Qualität im Supermarkt gibt. Ein delikater, hübscher, besonderer Markt mit kleiner feiner Gastronomie, der auch dadurch besonders ist, dass er eben nicht jede Woche stattfindet.“ Die folgende Stille bestätigt, dass der Vorschlag von allen gedanklich begutachtet wird.

Alexanderplatz

Als sich unser Weg zum Alexanderplatz durch die beiden Einfahrten vom Töpferplatz zur Rathausstraße verengt, muss ich unwillkürlich denken, dass auch unsere Gedanken zum Thema Wochenmarkt nun durch ein Nadelöhr gehen, oder anders gesagt, immer feiner werden.

H. erzählt unterwegs von der türkisch-islamischen „Kermes“, die gerade am vorherigen Wochenende stattgefunden hat. Es ist ein Fest der Begegnung und ein Tag der offenen Tür, um Nachbarn und Interessierten die türkische Kultur und Gastfreundschaft näherzubringen. „Das war einfach toll. Das leckere Essen, die Freundlichkeit, die Freude und die Menschen zu beobachten. Vielleicht könnten wir da ja auch Synergien nutzen, gerade wenn es um Bewirtung von einer Art Wochenmarkt geht. Das tolle türkische Fingerfood macht auf jedem Markt eine gute Figur.“

Obwohl uns vordergründig erst mal Gelüste auf ein leckeres Eis zu La Ceramica auf den Alexanderplatz führen, sind wir, als wir uns auf der Parkplatzfläche Richtung Zweite Heimat etwas Schatten suchen, alle erstaunt, wie dieser Ort oder Raum auf uns wirkt.

Ich frage zuerst nach, ob es hier schon mal einen Wochenmarkt gegeben hat? Die klare Antwort ist Nein. Der Wochenmarkt zog vom Töpferplatz auf den Ferbach-Parkplatz. Dort hat er nach Einschätzung der Gruppe noch ein paar Wochen oder Monate durchgehalten, bis die Durchmischung von parkenden Autos und verzweifelten letzten Ständen einfach niemanden mehr dorthin lockte.

„Als Parkplatz für einen Wochenmarkt auf dem Alexanderplatz ist der aber ein echtes Plus und definitiv fußläufig“, erinnert uns U. „Vorteil“ Alexanderplatz. „Bis wir so viele Fahrrad- wie Autoparkplätze brauchen, wird’s wohl noch eine Weile dauern“, meint T. Ich bin überrascht, aber es kommt noch interessanter: Der (langsam fahrende!) Durchgangsverkehr in der schönen Kurve der Shared-Space-Zone definiert sich plötzlich um in „potenzielle Laufkundschaft“. Nochmal „Vorteil“ Alexanderplatz. Jetzt staunen wir alle ein bisschen. Aber, als gäbe es da eine kleine feine Art von Magie, bilden wir abseits des Verkehrs in der Nähe des Open-Air-Bereichs der Zweiten Heimat wieder ein Kreis. „Da könnte man“, schlägt T. vor, „doch ganz gut chillen während des Markts, oder es könnte auch mal ein kleines Konzert geben.“

Unsere Zeitzeugin und ihre Tochter erklären uns erst mal, dass es vor nicht allzu langer Zeit an diesem Platz noch drei Metzger gegeben hat. Ich fühle mich an eine Passage bei Frieda Krebs erinnert. Sie schreibt 2002:

Bei den heute vom Aussterben bedrohten Stadtkernen – hier, wie überall – ist es unvorstellbar, dass es im Jahr 1943 fast in jedem Haus in Höhr eine Erwerbsstätte gab. Allein an den Höhrer Hauptstraßen reihten sich über 170 Geschäfte und Gewerbebetriebe aneinander.

Für mich hatte das in der Vorbereitung die Frage, ob „Wochenmarkt“ denn historisch ein Thema für die Gemeinde gewesen sein könnte, eindeutig beantwortet: Wenn alles, was wir täglich benötigen, zwei Ecken weiter erhältlich ist, wenn es im Umland keine Erzeuger gibt, für die ein Wochenmarkt zur Direktvermarktung interessant ist, und uns der Wochenmarkt als ungezwungener Begegnungsort nicht wichtig ist, dann brauchen wir auch keinen Wochenmarkt. 

Und in der modernen Entsprechung und durch die Ausrichtung aufs Auto, finden wir alles für den täglichen Bedarf nun halt ebenfalls bequem in den Westerwald-Arkaden oder wie unsere Zeitzeugin anfügt „beim Rewe, der hat alles“. Trotzdem wiegt sie den Kopf. Es ist still. Wir grübeln. Doch wer Gruppen unterschätzt, die absichtslos in einem Ort herumgehen und diesen auf sich wirken lassen, hat die Rechnung ohne die Spazierengehenden gemacht.  

Es war etwas, das wir nur als Zufußgehende wahrnehmen konnten und deshalb, weil wir uns vor Ort einfach Zeit genommen haben, den Ort auf uns wirken zu lassen: 

Am Alexanderplatz war viel mehr los als auf allen anderen von uns erkundeten Plätzen. Die Eisdiele und Da Pino mit ihren Außensitzen unter den Bäumen luden zum Verweilen ein. „Hübsche Bänke gibt’s auch schon direkt auf dem Platz.“ „Und wir sind mitten im Zentrum von Höhr, und das spürt man hier wenigstens auch ein stückweit. Der Parkplatz im Ferbachtal wirkt dagegen doch voll abgelegen. Und auch alle anderen Plätze, so schön sie auch sein mögen, sind weder so zentral noch so belebt im Alltag.“ Die Parkplatzflächen, die sich bis zur „Zweiten Heimat“ hinziehen, bieten Raum für eine ordentliche Anzahl an Markständen. „Das ist voll erweiterungsfähig. Da könnte man erst mal mit ein paar besonderen Ständen anfangen und das Ganze dann Stück für Stück erweitern.“

Es war nicht mehr zu übersehen: Wir hatten einen Favoriten erkoren, obwohl wir gar nicht mit einem solchen Ziel losspaziert waren. Uns ging es ja erst mal nur darum, dieses kontroverse Thema etwas besser verstehen zu wollen. Ich hatte das Gefühl, okay, das war’s jetzt … doch: „Jetzt gehen wir aber auch noch den Ferbach-Parkplatz angucken.“

Ferbachtal

Auf unserem Weg zu den Parkplätzen an der Ferbachstraße, kommen wir am immer mehr zum Stadtgarten und zur Chill-out-Zone werdenden Hinterhof der alten Volksbank vorbei, der eine gemeinsame Initiative der beiden Stadtimpulsprojekte Kostnixladen und Das Offene Wohnzimmer ist. Und nur ein Stück weiter ist Holger Dill im Hof des Biercasino Gambrinus gerade dabei mit fröhlichen Unterstützern eine riesige Pergola für seinen neuen Biergarten zu bauen, die er sich wild von Hopfen umrankt vorstellt, was historische Anklänge besitzt: In Höhr-Grenzhausen wurde von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im großen Stil Hopfen angebaut (aber interessanterweise kein Bier gebraut).

Es ist ein gutes Gefühl, die Stadt in Bewegung zu sehen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wird uns beim ersten Blick auf den damals noch nicht von solchen Aktivitäten eingebetteten vorderen der beiden Parkplätze an der Ferbachstraße sofort klar, dass es hier zwar die wohl größte zusammenhängende Parkplatzfläche in der ganzen Stadt gibt, der Standort jedoch für einen Wochenmarkt oder gar einen Monatsmarkt mit besonderem Flair trotz der Schatten spendenden Bäume im hinteren Bereich beim Spielplatz unserem Gefühl nach nicht infrage kommt.

Spazierende im Gespräch am Ferbachparkplatz

Wir stehen, wen wundert es, zum Abschluss mal wieder im Kreis. Keine*r von uns hätte zu Beginn dieser Stadterkundung damit gerechnet, dass sich beim Spazieren, beim Innehalten und Wirkenlassen der Umgebung vor Ort und im Gespräch so deutliche Kriterien im Pro und Contra bezüglich eines Wochenmarkts in Höhr-Grenzhausen abzeichnen könnten.

Der abschließende Gesprächskreis bringt meines Erachtens eine Art „Steckbrief“ für einen besonderen Markt hervor, der offenbar eher kein Wochenmarkt mehr sein will:

„Einmal im Monat ein Markt, der nicht nur wirkliche Leckerbissen anbietet, sondern selbst einer ist.“ „Die Begegnung und das Besondere herauskehren. Sitzgelegenheiten. Spezialitäten und Spezielles aus unserer Region, ob das nun Wein oder Käsekuchen oder Wildfleisch oder Keramik ist.“ „Vielleicht auch ein Bereich für Initiativen, Start-ups. Junge Leute, die leckere, selbstgemachte Kleinigkeiten anbieten. Eine vegane Eisbude könnte doch gerade Jugendlichen gefallen.“ „Oft funktioniert auch, dass die Leute kommen, weil sie wissen, dass sie kleine Geschenke kaufen können. Und dann nehmen sie, weil sie gerade da sind, auch noch leckere regionale Produkte mit.“ „Einen Unterschied machen. Das hatten wir schon, aber ich habe vor kurzem einen echt leckeren Kakao in der Koblenzer Altstadt getrunken, und zwar aus einem Becher von Kaas+Heger. Das war total cool.“ „Warum nicht: Bratwurst auf Creative-City-Keramiktellern. Das wär doch was.“ „Hier in der Gemeinde nach Besonderem suchen, wie zum Beispiel die Leckereien beim türkischen Frühlingsfest.“ „Auf jeden Fall ist so ein Markt nur dann der Knaller, wenn er ein soziales und, ich sage mal, kleinkulturelles Ereignis ist, bei dem man sich wohlfühlt, entspannt ist und auch immer mal wieder überrascht wird.“

Ich gehe auf
den Wochenmarkt, nur um etwas mehr
Durcheinander zu erleben, mehr Sprachen zu
hören, mehr Glück zu sehen.

Wir sind vielleicht doch alle Träumer*innen.

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