8. Spaziergangforschung Höhr-Grenzhausen
Spaziergang im September 2026: Höhr-Grenzhausen – Jugend hat das Wort
Worum geht’s?
Jugendliche gehen mit Stadtbürgermeister Wolfgang Letschert durch Höhr-Grenzhausen spazieren, um mit ihm konkret vor Ort über bestehende und geplante Projekte zu sprechen, die ihnen wichtig sind. Dieser Spaziergang will anhand zweier Projekte – „Cage-Soccer-Platz“ und „Calisthenics-Park“ – in ungezwungener Atmosphäre das direkte Gespräch mit den Jugendlichen über ihre Bedürfnisse und Wünsche suchen, ihnen aber auch Einblicke in Bezug auf die Umsetzung solcher Stadtentwicklungsprojekte ermöglichen.
Und plötzlich spricht der Platz mit
Ein kleine Traube von einem Dutzend Jugendlichen nimmt unseren Stadtbürgermeister in die Mitte und spaziert am Dienstag, den 15. September, von der Zweiten Heimat aus los. Unser erster Stopp ist der Spielplatz am Ferbach, und die kurze Strecke dorthin wird schon ausgiebig genutzt, um von beiden Seiten aus ins Gespräch zu kommen. Auch das Team der Zweiten Heimat – Karin Probst-Bayer, Werner Bayer und Perizat Haupt – sowie Kevin Heibel, der Leiter des Modellvorhabens Innenstadt-Impulse („Stadt.Idee.Wirkung“) gehen mit und sind gespannt auf diesen Austausch. Auf der Ferbachstraße kommen noch zwei Jugendliche auf Rollern dazu, die sehr höflich mal kurz anfragen wollen, wann der Calisthenics-Park fertig wird, als wäre es schon beschlossene Sache.
Der Spielplatz macht einen traurigen Eindruck, ungenutzt, und momentan auch noch arg mitgenommen von den Nachwirkungen des Tornados. Was allerdings unserer Ortserkundung keinen Abbruch tut. Gleich zu Beginn wird klar, dass keiner aus der Gruppe hier zum Spielen herkommt. Die vermatschte Doppelmulde zum Skateboardfahren wird schon lang nicht mehr genutzt: Belag rissig und alt, und viel zu klein und langweilig. Die Anlage insgesamt ist schön und grün, aber auch die anderen Spielgeräte wirken altmodisch und ausgespielt. Ein paar Jungs bauen sich ab und zu eigene Rampen für Sprünge mit dem Rad … aber sie bauen sie zum Schluss auch wieder ab bzw. halten die schnell zusammengebastelten Dinger auch nicht lang.
Ein Cage-Soccer-Platz steht ziemlich weit oben auf ihrer Wunschliste, aber es wird auch klar, dass der – trotz Tornado immer noch – mit schattenspendenden Bäumen ausgestattete Spielplatz eventuell ein wenig eng für eine solche Anlage ist (zwei Standardgrößen wären beispielsweise 15 x 10 m oder 20 x 13 m). Unter Umständen müsste das Spielfeld auch über den Bachlauf gebaut werden, wenn die etwas größere Freifläche hinter den Skater-Mulden genutzt würde.
Die allmähliche Verfertigung neuer Gedanken ist fast spürbar, als einer der kleineren Jungs dem Stadtbürgermeister etwas auf dem Handy zeigt. Hälse werden gereckt, aber aus der Ferne ist schon rein gar nichts auf seinem zersplitterten Display zu erkennen. Als das Handy dann herumgezeigt wird, fühlt es sich an, als hätte sich der Platz, über den wir gerade sprechen, in einen Pumptrack verwandelt – als hätte der Platz nur den Jungen gebraucht, um selbst etwas zu dem Thema zu sagen, so gut können wir uns das plötzlich alle vorstellen.
Pumptracks sind sowohl Spielplatz als auch Trainingsanlage für Neulinge bis Fortgeschrittene auf dem Bike, Skateboard, Inline-Skates oder Rollern, also ganz schön vielseitig. Und eine kribbelnde Begeisterung ist spürbar, als diese Idee bei genauer Betrachtung im Gespräch mit dem Stadtbürgermeister auch machbarer erscheint, als es im ersten Moment scheinen wollte. Genau diese Machbarkeit soll also nun geprüft werden.
Schneller als gedacht
Das für alle unerwartete Resultat unserer Ortserkundung am Ferbach erzeugt so etwas wie Aufbruchstimmung. Als zweiter Stopp war der Grenzhäuser Stadtpark geplant, und nun ist es gar keine Frage mehr, dass alle mitgehen. Wir nehmen den direkten Weg, und ich bin gespannt, wer den von uns kennt, denn der ist wirklich nur für Zufußgehende.
Also das steile Stück und die Treppen hinauf Richtung Rathausstraße. Die Jugendlichen eilen voraus. Am Damm hinunter zur Unterführung können wir gerade weit genug aufschließen, dass wir die voreilig nach links Abbiegenden zurückrufen, denn es geht nach der Unterführung geradeaus den Steilhang hinauf. Aber schon überholen sie uns wieder in diesem beneidenswert locker leichten Trab. Verpassen dann noch mal die Treppen vom Sonnenweg direkt hinauf zum Rathaus, aber das ändert nichts daran, dass wir „Alten“ jetzt definitiv im Schlepptau der Jugendlichen unterwegs sind. „Schneller als mit dem Auto“, ruft einer, als wir den Stadtpark nach kaum 10 Minuten schon sehen.
Momente gemeinsamen Überlegens
Gerade sind wir die Haupttreppe zum Stadtpark hinaufgestapft, da deuten schon drei Jugendliche auf das gepflasterte Rund mit den Fahnenstangen linker Hand. „Da haben wir ja den perfekten Cage-Soccer-Platz!“
Warum ist dieser innerstädtische Fußballplatz eigentlich so wichtig? Der Platz Am Flürchen ist wohl momentan nicht bespielbar, sagen unsere jugendlichen Stadtexpert*innen. Außerdem ist er ziemlich weit draußen. Und das Fußballspielen auf der Straße oder Parkplätzen ist vielen aus der Gruppe immer wieder verboten worden, da sie die Autos beschädigen könnten. Ebene Wiesen, wo sich ein paar Tore „wie früher“ mit T-Shirts markieren ließen, scheinen mir nach einigem Herumspazieren in der und um die Stadt herum eher Mangelware.
Aber nun kommt ein Gedanke aus dem Gespräch von vorhin am Ferbach hinzu: Wie wäre es, wenn dieser Cage-Soccer-Platz mobil wäre? „Gibt’s das denn?“ Und ob. So könnte die Anlage durch die Stadt wandern oder auch mal verlagert werden, falls sich Anwohner*innen beschweren, denn Fußball geht natürlich nicht ganz ohne Lärm. Die Idee leuchtet allen ein, und da nicht alle kleineren Fußballerinnen und Fußballer zum Beispiel aus Höhr allein in den Grenzhäuser Stadtpark dürfen, wäre es ja toll, wenn der Cage-Soccer-Platz dann für eine Zeit lang auch zu ihnen käme, zum Beispiel auf den Parkplatz an der Heinrich-Meister-Straße.
Das wäre auch für Spielplätze toll, meldet sich eine Jugendliche, „denn zum Spielen schnell mal hier in den Stadtpark kommen, da ist für die Kleinen der Weg alleine zu weit.“ Allerdings wäre ein mobiler Spielplatz auch viel schwieriger umzusetzen. Doch während wir uns im Stadtpark umsehen, müssen wir zugeben, dass die zentralen Spielplätze in der Stadt in die Jahre gekommen sind.
Irgendwie ganz schön cool … und nicht nur cool, sondern produktiv, wenn die Jugend das Wort hat und in solchen Stadtgestaltungsfragen mitredet, die sie direkt angehen.
Wo liegt eigentlich Calisthenics?
Es war dann noch ein Punkt auf unserer Spaziergangsliste offen: Calisthenics. Die Jugendlichen wissen, worum es geht. Ich hatte mich anfangs eher gefragt: Wo soll das sein? oder Was ist das?
Aus dem Griechischen von kalos = schön und sthenos = Kraft abgeleitet, geht es darum, mit dem Eigengewicht des Körpers zu spielen und recht puristisch, ohne viel Gerätekram Krafttraining zu betreiben. Ein dafür geeigneter Calisthenics-Park klingt größer als er im Endeffekt ist: Ein paar Klimmzugstangen, Parallelbarren, Hangelleitern, Sprossenwände und Push-up Bars reichen für jede Menge ausgefeilte Muskelaufbau-, Beweglichkeits- und Gleichgewichtsübungen. Calisthenics ist ziemlich kreativ.
Wer jetzt noch an das Wort Gymnastik oder Fitness-Studio denkt, muss den Staub wegblasen, denn die Beliebtheit von Calisthenics gerade in seiner Outdoor-Variante wird mit solchen Vergleichen nicht erklärt. Dass es im Stadtpark schon den Bewegungsparcours – nicht nur! – für Senior*innen gibt, was die Jugendlichen sofort aktiv demonstrieren, wird einstimmig als Vorteil betrachtet. Vielleicht müsste die Rutsche versetzen werden, aber dafür findet sich ein Platz. Und auf Bäume und deren Wurzeln muss Rücksicht genommen werden, gerade wenn Geräte ordentliche Befestigung im Erdreich benötigen. Aber auch das wäre kein riesiges Problem, da die Calisthenics-Anlage verhältnismäßig klein ist oder auch Einzelstationen im Kreis des Bewegungsparcours dazugebaut werden könnten.
„Sport im Park für alle, ob jung oder alt“, klingt schon fast wie ein Werbe-Slogan, aber für den Moment ist es für unser Erkundungsteam richtig greifbar.
Erst denken, dann handeln
„Der Worte sind genug gewechselt“, sagte uns allmählich die sich immer mehr im Park zerstreuende Gruppe. Das gute Gefühl einander zugehört, vieles verstanden und sich mit Respekt für die Ansichten der anderen ausgetauscht zu haben, ging mit auf den Nachhauseweg. Und das diese altersmäßig so unterschiedliche Gruppe nicht nur reden, sondern auch gemeinsam handeln kann, wurde zuletzt ungeplant sogar unterstrichen.
Einer der Jungen hatte in einem Gebüsch etwas entdeckt. Einen Koffer, „aber der sieht komisch aus“. Er hatte sich noch nicht ins Gebüsch getraut, also gingen wir alle gemeinsam nachsehen, allen voran unser Stadtbürgermeister. „Du bist ja ein richtiger Detektiv“, stellte er klar, „und richtige Detektive sind nicht nur schlau und haben eine Superspürnase, so wie du, sie denken auch erst und handeln dann.“
Wir hatten alle Respekt vor dem Fund, den wir beäugten, während ein paar von uns die Zweige auseinanderdrückten. Es war nicht genau zu erkennen, was da lag. Möglicherweise einfach nur Müll, aber so ein Koffer gab uns allen zu denken. Für den Moment ließen wir die Finger davon. „Toll, dass du das entdeckt hast. Da informiere ich den Bauhof, denn das ist ja kein Müllplatz hier“, lobte Wolfgang Letschert, und das schien für alle ein guter Abschluss zu sein.
Wer jetzt noch an das Wort Gymnastik oder Fitness-Studio denkt, muss den Staub wegblasen, denn die Beliebtheit von Calisthenics gerade in seiner Outdoor-Variante wird mit solchen Vergleichen nicht erklärt. Dass es im Stadtpark schon den Bewegungsparcours – nicht nur! – für Senior*innen gibt, was die Jugendlichen sofort aktiv demonstrieren, wird einstimmig als Vorteil betrachtet. Vielleicht müsste die Rutsche versetzen werden, aber dafür findet sich ein Platz. Und auf Bäume und deren Wurzeln muss Rücksicht genommen werden, gerade wenn Geräte ordentliche Befestigung im Erdreich benötigen. Aber auch das wäre kein riesiges Problem, da die Calisthenics-Anlage verhältnismäßig klein ist oder auch Einzelstationen im Kreis des Bewegungsparcours dazugebaut werden könnten.
„Sport im Park für alle, ob jung oder alt“, klingt schon fast wie ein Werbe-Slogan, aber für den Moment ist es für unser Erkundungsteam richtig greifbar.
Wieder stehen neue Aufgaben auf der To-do-Liste unseres Stadtbürgermeisters. Und die Jugendlichen werden verfolgen, ob den Worten auch Taten folgen. Allerdings nach diesen Gesprächen womöglich nicht nur fordernd, sondern auch mit einem neuen Verständnis für die Menschen, die die Projekte, die ihnen am Herzen liegen, in die Wege leiten sollen. In dieser kleinen Gruppe haben wir über die Kluft der Generationen hinweg miterlebt, dass miteinander reden wirklich hilft und nicht nur blöde Fragen oder Antworten kommen, sondern wir alle sagen können, was wir denken, wenn wir uns gegenseitig zuhören.
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