7. Spaziergangforschung Höhr-Grenzhausen
Spaziergang im August 2026: Höhr-Grenzhausen – Mit den Augen der Kamera
Worum geht’s?
Der Fokus des Stadtspaziergangs im Rahmen des Modellvorhabens STADT.IDEE.WIRKUNG in Höhr im August 2026 lag auf fotografisch-erzählerischer Erkundung. Wir suchten mit der Kamera nach Ansichten unserer Stadt, die unsere Verbundenheit mit ihr widerspiegeln. Die Teilnehmenden konnten ihre Fotos einsenden, um an dem erweiterbaren Bildarchiv „So gesehen Höhr-Grenzhausen“ und an der Gestaltung einer etwas anderen, etwas eigeneren, etwas erzählerischeren Postkartenserie für unsere Stadt mitzuwirken.
suchen wissen
Am 15. August trafen sich 21 Menschen – die an diesem Tag über der Stadt lastende Hitzeglocke einfach weglächelnd – auf dem Alexanderplatz, um ihr gemeinsames Ortswissen auf ganz spezielle Art zu nutzen: Sie wollten im Stadtteil Höhr auf den Spuren ihrer Verbundenheit mit ihrer Stadt aus diesem Ortswissen in gewisser Weise „Ansichten“ herausschneiden.
„Dabei soll uns die vermeintlich eingeschränkte Sicht durch das Auge der Kamera behilflich sein“, ermunterte ich die Teilnehmenden. „In diesem Sinne schlage ich vor, dass wir gar nicht so sehr als Fotografinnen oder Fotografen spazieren gehen, sondern als Suchende und vor allem als Erzählende! Denn es geht bei unserer Stadterkundung heute weder um das schöne oder gar schönste Foto noch darum im herkömmlichen Sinn Postkartenmotive zu verschnappschussen. Wir gehen auf die Suche nach Bildern, mit denen wir erzählen wollen würden, was uns an Höhr auffällt, gefällt, stört, irritiert, erstaunt, etwas bedeutet oder einfach Freude macht. Wie sehen wir Höhr, wenn wir aus dem Film der alltäglichen Eindrücke Einzelbilder herauslösen und festhalten könnten?“
Und um unsere von etlichen früheren Bildern unserer Stadt geprägte Wahrnehmung ein bisschen zu „verwackeln“, legte ich noch ein Gedicht nach.
ich was suchen
ich nicht wissen was suchen
ich nicht wissen wie wissen was suchen
ich suchen wie wissen was suchen
ich wissen was suchen
ich suchen wie wissen was suchen
ich wissen ich suchen wie wissen was suchen
ich was wissen
Ernst Jandl, von dem das Gedicht suchen wissen stammt, ist vielleicht jemand, der uns verstehen lässt, dass selbst, wenn wir „was finden“, der Prozess des Suchens und des Wissens oder in unserem Fall vielleicht des Sehens und des Verstehens immer weitergeht.
In Gang kommen
Es ist fast schon ein kleines Anfangsritual: Alle Stadterkundungsgänge kennen diesen anfänglichen Moment eines leichten Zögerns & Zauderns. So auch an diesem Augustsamstag. Die Gruppe schwärmt auf dem Alexanderplatz aus. Nichts ist klar, aber alle nehmen immer wieder ihre Kamera zu Hilfe, umkreisen, beäugen, befragen die unterschiedlichsten Dinge auf dem Platz mit einem Druck auf ihren Auslöser.
Es ist zu spüren, dass da in aller Ungeordnetheit etwas in Gang kommt. Eine Art sehend suchender Dialog. Der Druck auf den Auslöser gleicht einer wortlosen Frage, auf die das Bild eine ebenso wortlose wie ganz eigenständige Antwort gibt. Und da schwingt, finde ich, so ganz nebenbei auch eine gewisse Magie mit.
Die freundlich geschäftige Unwilligkeit sich vom Alexanderplatz lösen zu wollen, scheint mir im Nachhinein ein eindeutiges Zeichen, dass von „sich mal warmknipsen“ nicht die Rede sein konnte. Die Erkundungsgruppe fing an „zu wissen wie wissen was suchen“. Als ich die Schneebergstraße hinaufdeute, kommen wir nur noch meterweise voran.
Alexanderplatz – Schneebergstraße – Hollersborn – St.-Georg-Weg – Kleine Schützenstraße – Rheinstraße – Alexanderplatz
Höhrer*innen wissen, dass wir nicht mehr als einen Kilometer zurücklegen werden. Aber wir hatten wohl auch alle nicht damit gerechnet, dass wir auf dieser spaziergängerischen Kurzstrecke ein Kaleidoskop von Eindrücken und Details, ein faszinierendes Kleinuniversum entdecken würden.
Himmelszahnstocher auf Dächermeer
Paparazzifoto von Mensch Meier
Gassencanyons Platzwüsten Hinterhofgrotten
Mauerskulptur neben Graffitipatina
Gebäudewucher um Schaukastenleere
Stromleinen mit Wolkenwäsche
Als wir in einen unscheinbaren Fußweg abbiegen, wird die poetische Seite unseres Entdecker*innentums vom Ausruf einer Mitspazierenden gekrönt:
„Hier war ich noch nie.“
Und damit möchte ich für diesmal meinen Bericht schließen und den eigentlich das Geschehen dieser Spaziergangforschung bestimmenden Bildern das Erzählen überlassen.
Aus dem Bildarchiv „So gesehen Höhr-Grenzhausen“ – Höhr – August 2026
Fotograf*innen: Mechthild Bereswill, Monika Debus, Gudrun Ehlert, Jürgen Ghebrezgiabiher, Kevin Heibel, Ayaka Iwabu, Christiane Jaschek, Alexandra Jukic, Adrian Jukic, Ute Matschke, Maria Meyer, Emma Menne, Fernando Lamprea, Torsten Sandrieser, Susanne Schmidt, Kyra Spieker, Nicole Thoss, Petra Wippermann
Durch den Sucher gesehene Suchende
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